Autor: Leni Albrecht (Seite 1 von 3)

Christine Lavant – Erzählungen aus dem Nachlass

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Der vierte und abschließende Band der Werkausgabe enthält 15 Erzählungen aus dem Nachlass, die hier größtenteils erstmals gedruckt werden. Eine einzigartige Entdeckung.

Vierzig Erzählungen etwa hat Christine Lavant geschrieben, aber viele davon zu ihren Lebzeiten nie veröffentlicht. Aus Scheu, zu viel von sich preiszugeben, hielt sie den Großteil ihres Prosawerks zurück. Der vierte und abschließende Band der Werkausgabe versammelt fünfzehn Erzählungen aus dem nachgelassenen Bestand. Nur zwei davon, »Das Wechselbälgchen« und »Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus«, sind in den letzten Jahren schon veröffentlicht worden, alle anderen werden hier erstmals gedruckt. Außerdem enthält der Band lebensgeschichtliche Dokumente wie Briefe und eine Selbstdarstellung für den Rundfunk, die nicht nur einen intimen Einblick in ihr Leben, ihr Denken und Empfinden erlauben, sondern in erstaunlichem Maße die literarischen Texte des Bandes biographisch befestigen und beglaubigen. Christine Lavant erzählt von dem, was sie am besten kennt: von verletzten Kinder- und Frauenseelen, von feinen und weniger feinen gesellschaftlichen Unterschieden, von Armut, Krankheit und Außenseitertum, von Bigotterie, Wunderglauben und von den Irrwegen religiöser Erlösungshoffnungen; aber immer wieder auch von weiblichem Begehren, vom Rebellieren und von der befreienden Kraft der Fantasie und der Liebe.

Vor allem aber erzählt sie – auch in allerhand Verkleidungen – von sich. Und sie zeigt sich dabei völlig ungeniert, schonungslos und ungeschützt.

Ihre Prosa aus dem Nachlass ist eine singuläre Entdeckung. Sie ist formal souverän, inhaltlich kompromisslos und oft unerhört komisch.
(Klaus Amann)

 

Präsentiert wird der Band bei einer Veranstaltung im Stadttheater Klagenfurt am 7. Mai 2018. Anne Bennent liest Erzählungen von Christine Lavant aus dem neuesten Band, musikalisch umrahmt wird der Abend von Otto Lechner am Akkordeon. Einführende Worte spricht der Gründer und langjährige Leiter des Robert-Musil-Instituts der Universität Klagenfurt und Mitherausgeber der Werkausgabe Klaus Amann.

Nähere Informationen zur Veranstaltung und zu den Tickets finden Sie hier:

Website Stadttheater Klagenfurt

Christine-Lavant-Abend

Christine-Lavant-Abend des Trakl-Forum 2018

Anlässlich des Erscheinens des vierten und letzten Bandes der Werkausgabe Christine Lavants lädt das Internationale Trakl Forum der Salzburger Kulturvereinigung zu einem Christine-Lavant-Abend in Salzburg.

Es erwartet Sie eine moderierte Lesung mit der Mitherausgeberin der Gesamtausgabe Dr. Doris Moser (Klagenfurt) und Bettina Rossmann (Wien). Musikalisch umrahmt wird der Abend von Minka Popovic am Klavier.

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Christine-Lavant-Abend

 Georg-Trakl-Forschungs- und Gedenkstätte

Waagplatz 1a, Salzburg

 

Dienstag, 24. April 2018

Beginn: 19:30

 

Eintritt frei

 

Nähere Details finden Sie hier:

Einladung Lavant-Abend

Website Trakl-Forum

Christine Lavant meets Dmitri Schostakowitsch

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© Elia Roman

Bereits im Herbst 2017 wagte sich das Wiener MuTh daran, diese beiden Größen ihrer Genres in einem sehr gefühlsstarken Abend aufeinandertreffen zu lassen. Nun wird Julian Pölslers szenische Einrichtung dieser Lesung von Gedichten Christine Lavants zur Cellosonate d-moll op.40 von Dmitri Schostakowitsch erneut aufgeführt, diesmal im Linzer Brucknerhaus. Die Schauspielerin Isabel Karajan, Tochter des großen Dirigenten, rezitiert die Gedichte, begleitet von Projektionen von Elia Roman. Die Musik kommt von Matthias Bartolomey am Violoncello und Clemens Zeilinger am Klavier.

Lassen Sie sich diesen einzigartigen Abend nicht entgehen!

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© Elia Roman

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© Elia Roman

„Die Feuerprobe“

Brucknerhaus Linz

Montag, 9. April 2018

Beginn: 19:30

 

Nähere Infos zur Veranstaltung und zu den Tickets finden Sie hier:

Website Brucknerhaus

 

Von Anfang an eine große Inspiration

Interview mit dem Kärntner Künstler und Fotografen Manfred Bockelmann

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Quelle Foto: http://manfred-bockelmann.de/zur-person/

Annemarie Türk: Unter Ihren Portraits finden sich auch Darstellungen von Christine Lavant. Was war Ihr Beweggrund für diese sehr schönen Kohlezeichnungen der Dichterin – war es eine persönliche Begegnung oder waren es ihre Texte?

Manfred Bockelmann: Ich habe Christine Lavant persönlich nie getroffen. Ihre Lyrik hat mich vom ersten Augenblick an tief berührt.

 

AT: Wie und wann sind diese Zeichnungen entstanden?  Haben Ihnen Fotos als Vorlage gedient oder war es Ihre Erinnerung an Christine Lavant, aus der Sie für diese Arbeiten geschöpft haben?

MB: Mein Freund Heiner Hammerschlag hat eine Lesung ihrer Briefe im „Haus der Begegnung“ 2005 in Maria Saal veranstaltet. Ich habe hierfür, aus eigenem Antrieb, eine großformatige Porträtzeichnung (Kohle auf Leinwand) geschaffen. Es erschien mir wichtig, dem Publikum das eindrucksvolle Antlitz dieser berührenden Persönlichkeit gegenüber zu stellen.
Als Vorlage diente mir ein Foto des Malers und Fotografen Egon Wucherer aus dem Band Die Bettlerschale (1956 Otto Müller Verlag).

 

AT: Was ist das für Sie Essentielle an Lavants Texten?

MB: Die Wucht ihrer Inhalte. Die poetischen Wortschöpfungen: VERMONDUNG zum Beispiel.

 

AT: Inwieweit ist das schwierige persönliche Schicksal und Leben von Christine Lavant für Ihre Beschäftigung mit ihr ausschlaggebend?

MB: Ihr persönliches Schicksal ist der Fundus für ihr literarisches Wirken. Ich nehme Anteil und begleite SIE durch das Lesen. Ich tauche ein in IHRE Welt.

 

AT: Werden Sie Ihre Gedichte und Prosatexte auch weiterhin begleiten?  Wir haben ja bald die Möglichkeit im 4. Band der neuen Gesamtausgabe bisher unveröffentlichte Texte kennenzulernen. Dürfen wir auf eventuell neue Bilder angeregt von Christine Lavants Texte hoffen?

MB: Ich kann es kaum erwarten! Christine Lavant ist, von Anfang an, eine große Inspiration für mich.

 

Der Maler und Fotograf Manfred Bockelmann wurde 1943 in Klagenfurt geboren. Seine Ausbildung beendete er 1966 mit einem Studium für Frescomalerei, Grafik und Fotografie in Graz und startete in München eine erfolgreiche Karriere als Fotograf für große Magazine. 1971 begegnete er in Zürich Friedensreich Hundertwasser. Aus dem Dialog der beiden entstand nach einer gemeinsamen Reise auf dessen Schiffskutter das Kunstbuch „Hundertwasser Regentag“ – eine Synthese aus Fotografie und Malerei. Sein erster Film „Neulandsuite“ wurde 1984 in der ARD ausgestrahlt, sein zweiter Film „Auf beiden Seite des Vorhangs“ über Udo Jürgens, seinen Bruder, wurde im März 2005 im ZDF gezeigt. Fotografie und Malerei bleiben bis heute in seiner Arbeit gleichberechtigt. Manfred Bockelmann hat seine Arbeiten in weit über 100 Ausstellungen in Galerien und auf Kunstmessen im ln- und Ausland gezeigt. Seit 1990 arbeitet und lebt und er mit seiner Familie in Kärnten, München und Wien.

 

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Manfred Bockelmann, 2007, Kohle, 125×170 cm, © Manfred Bockelmann

 

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Manfred Bockelmann, 2007, Kohle, 150×110 cm , © Manfred Bockelmann

Website Manfred Bockelmann

„Zieh den Mondkork aus der Nacht. Noch einmal Christine Lavant: ein Nachtrag zu Werk und Rang“

Im ersten Heft 2018 von „Sinn und Form“  setzt sich der Lyriker und Publizist Hans Krieger mit dem Werk, vor allem den nachgelassenen Gedichten und Prosatexten von Christine Lavant auseinander. Es ist eine kritische Auseinandersetzung, – für ihn kommen nicht alle der zu Lebzeiten unveröffentlichten Texte an jene in den ersten Buchausgaben heran. Hans Krieger bewegt die Frage, inwiefern die Kenntnis biografischer Details für die Beurteilung von literarischen Texten wichtig sei und ob Dichtung nicht auch ohne diese Kenntnis bestehen müsse. Er beantwortet diese im Falle von Christine Lavant wie folgt: „Weder wegen noch trotz ihres nach eigenen Worten „verstümmelten“ Lebens, sondern allein wegen ihrer einzigartigen wortschöpferischen Sprachmagie ist Christine Lavant die bedeutendste Dichterin zumindest ihres Jahrhunderts (trotz Ingeborg Bachmann, trotz Hilde Domin, trotz Rose Ausländer) und eine der stärksten poetischen Potenzen aller Zeiten.“ (Annemarie Türk)

 

Beitrag in: Sinn und Form. Beiträge zur Literatur – Januar/Februar 2018, erstes Heft – herausgegeben von der Akademie der Künster Berlin. Seite 136 – 138

Aktuelle Ausgabe Sinn und Form

Christine Lavant auf der Buch Wien

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Klaus Amann, Judith Hoffmann © Hanna Biller

Auf der Buch Wien durfte die Internationale Christine Lavant Gesellschaft auch heuer nicht fehlen. Vertreten waren wir durch den Vorsitzenden des Literarischen Beirats und Mitherausgeber der Werkausgabe Prof. Klaus Amann. Im Gespräch mit Ö1-Moderatorin Judith Hoffmann präsentierte Amann den 2017 erschienenen dritten Band der Werkausgabe „Christine Lavant – Gedichte aus dem Nachlass“. Der Gründer und ehemalige Leiter des Musil-Instituts in Klagenfurt berichtete nicht nur über die Arbeit an dem Band. Das Publikum durfte zum Beispiel auch erfahren, dass der in dem Band enthaltene Gedichtband „Die Nacht an den Tag“ (1948) – der zwar gesetzt, aber nie gedruckt wurde – mehr durch Zufall von den HerausgeberInnen in einer Wiener Privatsammlung aufgefunden wurde und so zum ersten Mal komplett abgedruckt werden konnte.

Klaus Amann sprach über die Beziehung Christine Lavants zu dem Kärntner Maler Werner Berg und erklärte, dass sich diese – von beiden wohl als prägendste und wichtigste Liebesbeziehung ihres Lebens empfundene Verbindung – auf Lavants lyrische Produktivität sehr positiv auswirkte. Viele der Gedichte sind dem Maler gewidmet und existierten auch nur in der Version, die sie ihm in ihren Briefen geschickt hatte.

Die Zuhörenden kamen auch in den Genuss, ausgewählte Gedichte als Beispiele für das bisher unveröffentlichte Werk Lavants – gelesen von Klaus Amann – zu hören. Mit den Gedichten aus diesem neuen Band, erfährt man von einer völlig anderen Christine Lavant. Die Auswahl zeichnet sich durch eine bisher nicht dagewesene Fülle an Themen und Bildern aus und durch eine für Lavant bis jetzt vermeintlich ungewöhnliche Klarheit und Explizitheit.

 

 

Literatur, wenn sie gut ist, ist immer auch komponiert

Dass Lavant-Texte das Herz treffen, findet der Präsident unserer Gesellschaft, Hans Gasser. Darüber spricht er in einem Leporello des Kultursenders Ö1. Vor allem um eine Erzählung, die besonders gut geeignet ist, die Herzen vieler zu treffen, geht es in diesem Radiobeitrag, nämlich um Das Wechselbälgchen. Vorgestellt wird eine Hörspielfassung des Textes aus dem Jahr 2015, dem Jahr des 100sten Geburtstages der Dichterin. Neben Hans Gasser kommt auch der Perkussionist Peter Rosmanith zu Wort, der Christine Lavants Text musikalisch bearbeitet hat. Doch hören Sie einfach selbst.

Ö1 Leporello

In der Vorhölle der Verdammnis

Auch in der Reihe „Dichter und Denker“ der Tageszeitung Die Presse erhielt Christine Lavant ihren gebührenden Platz. Präzise am Tag der Preisverleihung des Lavant Preises widmete Michael Horowitz der Dichterin eine ganze Seite in der Sonntagsausgabe. Darin plädiert er dafür, die „hochsensible Dichterin aus der Enge der Kärntner Berge“ vor allem auch als Prosaautorin neu zu entdecken.

 

ORF III – Programmschwerpunkt zum „Christine Lavant Preis 2017“

Am Sonntag, dem 12. November 2017 wurde im Rahmen einer Matinee im ORF RadioKulturhaus der „Christine Lavant Preis 2017“ verliehen. ORF III Kultur und Information widmete dem Ereignis am Sonntag, dem 19. November einen dreiteiligen Programmschwerpunkt. Höhepunkt war die Ausstrahlung der aufgezeichneten Preisverleihung in „ORF III Spezial“.

 

Gestartet wurde mit dem lyrischen Porträt „Du hast meine einfachen Wege durchkreuzt – Erinnerungen an Christine Lavant“ (2003) von Gernot Stadler. Darin kommt die Kärntner Schriftstellerin Christine Lavant ausführlich in ihren Briefen zu Wort und erzählt vom Schreiben, von den Menschen in ihrem Dorf und über die Freuden und Bürden des Lebens. Ergänzt und illustriert wird das Porträt durch alte Filmaufnahmen.

Danach folgte eine kurze Ausgabe von „Kultur Heute Spezial“, die über die Gesamtausgabe Christine Lavants im Wallstein Verlag berichtet. Drei von vier Bänden sind bereits im Wallstein-Verlag erschienen und erschließen mit ausführlichen Erläuterungen und Nachworten das Werk des sogenannten „Kopftuchweibleins“ aus dem Lavanttal.

Abschließend präsentierte „ORF III Spezial“ die Aufzeichnung der sehr gelungenen Veranstaltung zum Christine Lavant Preis 2017. Eine Information zur Möglichkeit die Aufzeichnung auch weiterhin nachzuschauen folgt in Kürze.

 

Wie Christine Lavant nach Georgien kam …

Wie und wann Christine Lavant auch in Georgien begeisterte ÜbersetzerInnen und Leserinnen fand, erfuhr unser Vorstandsmitglied Annemarie Türk im Gespräch mit der Übersetzerin Tamar Kotrikadze und dem Übersetzer Vassil Guleuri:

AT: Wie und wo sind Sie mit den Gedichten und Prosatexten Christine Lavants in Berührung gekommen? Wer hatte die Idee, gab den Impuls sich mit den Gedichten und Texten Christine Lavants auseinanderzusetzen?

Tamar Kotrikadze: Es war Schicksal, als ich 2000 ein österreichisches Stipendium bekam und ein Semester in Klagenfurt verbrachte. Ich besuchte damals Veranstaltungen im Literaturmuseum und Robert-Musil-Institut, wo ich zum ersten Mal von Christine Lavant hörte. Es war ihr Portrait, das mich zu allererst faszinierte und ich dachte sofort: das muss eine außerordentliche Frau sein! Erste Eindrücke bekam ich von Professor Arno Rußegger, der auf eine sehr emotionale Weise über Christine Lavant erzählte. Meine Lavantlektüre begann ich mit der Erzählung „Das Kind“, die eben damals in der neuen Ausgabe erschien und „Die Schöne im Mohnkleid“ – von den ersten Seiten dieser Erzählung an wusste ich, dass ich sie unbedingt ins Georgische übersetzen würde. In den nächsten Monaten hab ich dies auch getan, der Text erschien in einer literarischen Zeitschrift und erweckte sofort ein lebhaftes Interesse für die österreichische Autorin, die man bei uns vorher überhaupt nicht gekannt hatte. Auch als Literaturwissenschaftlerin begann ich mich mit ihrem Werk auseinanderzusetzen und widmete diesem ein Kapitel meiner Doktorarbeit zum Thema „Engel in moderner Literatur“. Ich kann also mit großer Freude sagen, dass ich die Ehre hatte, Christine Lavant für Georgien zu „entdecken“.

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© Tamar Kotrikadze

 

AT: Die ersten Lavant-Übersetzungen erschienen in Georgien schon 2001 – wie kam es dazu?

Tamar Kotrikadze: Das erste georgische Lavantbuch erschien dank Arno Rußegger, mit der finanziellen  Unterstützung der Universität Klagenfurt und des Robert-Musil-Literaturinstituts. Es enthält zwei von mir übersetzte Prosatexte – „Die Schöne im Mohnkleid“ und „Nell“, und 18 Gedichte aus verschiedenen Gedichtbänden. Da ich selbst keine Lyrik übersetze, suchte ich unter Kollegen diejenigen, die das tun würden. Diese 18 Gedichte haben 3 Menschen übersetzt, es ging aber schwer, denn wir alle verstanden, dass Christine Lavants Gedichte inhaltlich und formal sehr kompliziert sind. Deshalb waren es nur wenige Gedichte, die wir für dieses Buch übersetzen konnten… Das Buch, das auch mein Vorwort und einen Kommentar enthielt, erschien 2001 und ist mit einem Förderungspreis des österreichischen Kulturministeriums ausgezeichnet worden.

 

AT: Es blieb nicht bei dieser ersten Beschäftigung mit Lavant – weitere Übersetzungen folgten. Ist dies nur dem Interesse der Übersetzerin geschuldet oder gibt es ein breiteres Interesse an den Gedichten und Prosatexten von Christine Lavant in Georgien ?

Tamar Kotrikadze: Das Buch, wie auch zerstreute Publikationen von und über Christine Lavant, die ich ab und zu veröffentlichte, wurden von den Lesern mit Interesse aufgenommen. Große Verdienste  in der weiteren Popularisierung der österreichischen Autorin hat allerdings der Schriftsteller und Germanist Dato Barbakadse mit seinem Buchprojekt „Österreichische Lyrik des 20. Jahrhunderts“, dessen 13. Band Christine Lavant (zusammen mit Christine Busta) gewidmet ist. Wichtig war, dass er einen idealen Übersetzer für Lavants Lyrik fand und damit eine neue Epoche in der georgischen „Lavantologie“ begann. Vassil Guleuri ist ein hervorragender Literat, der russisch- und englischsprachige Lyrik übersetzt. Er kann kein Deutsch, spürte aber sofort die Tiefe und die Tragik der Lavant-Gedichte. Uns gelang es wunderbar, in einem Tandem zu arbeiten: ich machte die Interlinear-Übersetzung der Gedichte, er die literarischen. Wir waren beide von der Person Christine Lavants und von ihren Werken begeistert. Wir bereiteten zusammen eine große Auswahl der Übersetzungen für das zweisprachige Buch vor, das Dato Barbakadse 2008 veröffentlichte.

Vassil Guleuri: Von Christine Lavant hatte ich bereits gehört, bevor Dato Barbakadse mich bat, ihre Gedichte für seine Ausgabe zu übersetzen. Eine Freundin gab mir „Die Schöne im Mohnkleid“ zu lesen. Das Werk hat auch mich tief beeindruckt, aber erst die wortwörtlichen Übersetzungen von Lavants Gedichten haben mich in Bann gezogen. Vorher hatte ich nie mit einer Linearübersetzung gearbeitet, diesmal aber bekam ich große Lust, die Gedichte Christine Lavants zu übersetzen. Zusammen mit Tamar Kotrikadze habe ich mehr als 100 Gedichte übersetzt, der Arbeitsprozess war sehr dynamisch und interessant. Nach der Herausgabe des Buches, haben wir noch weitere Lavant-Gedichte übersetzt und in verschiedenen Zeitschriften veröffentlicht. Soweit ich die Reaktion der Leser kenne, kann ich behaupten, dass jeder, der diese Gedichte liest, von der wunderbaren Welt Lavants, von ihrem Schmerz, der scheinbar privat ist, aber die Schmerzen der ganzen Welt in sich einschließt, ergriffen wird.

 

AT: Wie steht es um die Rezeption dieser österreichischen Autorin in Georgien?

Vassil Guleuri: Ich würde nicht sagen, dass Christine Lavant in Georgien sehr viele Leser hat. Aber diejenigen, die sie lesen, öffnen sich ganz und gar diesem literarischen Kosmos. Ich denke, sie ist auch keine Dichterin für die breite Masse. Mit ihren Schmerzen, ihrer traumhaften Welt und ihren Protagonisten, mit den Symbolen, die so manchen Inhalt verschlüsseln, spricht sie zu jenen Menschen, die imstande sind, diese Schmerzen zu begreifen und zu fühlen.

Tamar Kotrikadze: Ich freue mich über die Maßen, wenn ich sehe, dass nicht nur viele Menschen unsere Lavant-Übersetzungen lesen, sondern es, außer uns beiden, Menschen gibt, die auch selber versuchen, Lavants Gedichte ins Georgische zu übersetzen und die über sie schreiben. Ich freue mich dabei so sehr, als ob es um meine eigenen Gedichte ginge. Das zeigt, dass wir auch andere dafür begeistern konnten und ein Feuer entzündet haben.

 

AT: Abgesehen von Rezensionen und vereinzelten wissenschaftlichen Abhandlungen – wie reagieren die georgischen LeserInnen?

Vassil Guleuri: Ich erinnere mich daran, wie eine Bekannte, die alles von Christine Lavant gelesen hatte und neue Übersetzungen gespannt erwartete, mir einmal gestand: „Die Lavant jagt mir Angst ein“. Ein ungefähr ähnliches Verhältnis haben auch andere geäußert. Es ist aber nicht eine solche Angst, die einen zwingt, zu fliehen und sich zu verstecken, im Gegenteil: Diese Angst wirkt anziehend und verlockend, wird Teil von dir, wird zum Ausdruck deiner eigenen Gedanken, Schmerzen und Ängsten. Und dies ist eben, was dich erschreckt: Wie vermag es diese einsame, halbverrückte, depressive Frau, dich so völlig zu ergreifen? Sie lässt dich auch dann nicht in Ruhe, wenn du mit dem Lesen schon fertig bist. Ich kann behaupten, dass der georgische Leser Christine Lavants kein gewöhnlicher Bibliophiler und Freund der Lyrik ist. Der georgische Leser Christine Lavants empfindet auch selber Einsamkeit, Wahnsinn, Schmerz, von denen Lavants Gedichte erfüllt sind.

Tamar Kotrikadze: Einige haben mir gesagt: „Es ist keine Frau, es ist ein richtiger Brand der Gefühle!“ Viele meinen auch: „Ihr Gesicht auf dem Foto erinnert mich an meine Großmutter (oder: meine Tante)“, ich glaube, bei vielen entsteht ein Gefühl der Innigkeit, eine besondere emotionale Nähe mit dieser Dichterin.  

 

AT: Was genau fasziniert georgische Literaturliebhaber an ihren Gedichten und Erzählungen?           

Vassil Guleuri: Christine Lavants Lyrik ist eine Lyrik von Traumvisionen. Es ist aber nicht nur Privates, es scheint, als ob die Dichterin in ihrem Schmerz die schwere Last der ganzen Menschheit trage. Ich denke, dass die georgischen Leser darin ihre eigenen kleineren Schmerzen sehen. Lavants Werk hilft einigermaßen, der transzendenten Welt näher zu kommen. Die Dichterin sucht nach Glauben, Liebe, Innigkeit und bekämpft ihre Ängste. Wahrscheinlich, ist das einer der Gründe, warum ihre Gedichte den georgischen Lesern so nahe gehen und interessant geworden sind.

Tamar Kotrikadze: Vor allem sind von ihrem Werk sehr feinfühlende Menschen fasziniert, meist Frauen. Ihre Tragik, ihre Gefühle spielen natürlich eine große Rolle. Ich glaube, Christine Lavant interessiert unsere LeserInnen nicht nur wegen ihrer Texte, sondern, und vor allem, wegen ihrer außerordentlichen Biografie. Sie fasziniert als Person, als Charakter, ihre Fotos, ihre Aussagen, die man in ihren Briefen und in Erinnerungen der Zeitgenossen lesen kann – dies alles wirkt sehr stark auf die Leser.

 

AT: Gibt es nächste Pläne?

Vassil Guleuri: Ich würde auch in der Zukunft zusammen mit Tamar Kotrikadze gerne daran arbeiten, einen weiteren Teil von Christine Lavants Werk ins Georgische zu übersetzen, falls wir eine Möglichkeit haben werden. Wir hatten ein Projekt, in die Heimat Lavants zu fahren und dort miteinander an neuen Übersetzungen und an einem Buch über Christine Lavant zu arbeiten. Bis jetzt blieb dies noch immer eine Idee. 

Tamar Kotrikadze: Wir werden Christine Lavant unbedingt weiter übersetzen. Und das Buch über sie, das ich begonnen habe, muss auch unbedingt fertiggeschrieben werden. Zurzeit beschäftige ich mich mit anderen Übersetzungsprojekten, aber Christine Lavant ist eine Autorin, von der man sich nicht trennen darf, und auch nicht trennen kann.

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© Tamar Kotrikadze

 

Tamar Kotrikadze

hat an der Staatlichen Universität Tiflis Germanistik studiert und diese Ausbildung als DAAD-Stipendiatin an der Univeristät Bamberg fortgesetzt. Bereits in ihrer Dissertation hat sie sich u.a. mit Christine Lavant beschäftigt und 2005 erstmals an einem Internationalen Lavant Symposium in Wolfsberg teilgenommen. Seit 2007 lebt sie als freischaffende Übersetzerin und Literaturkritikerin in Tiflis. Dem Werk Christine Lavants ist sie besonders verbunden und hat für die Herausgabe des Buches „Christine Lavant: Gedichte und Erzählungen“ (Verlag ‚Kaukasisches Haus‘ Tiflis 2001) 2002 den Förderpreis der Kunstsektion im BKA erhalten.

 

Vassil Guleuri

der aus Gori stammende Architekt und Schriftsteller hat gemeinsam mit Tamar Kotrikadze viele Gedichte Christine Lavants in Georgische übertragen.

 

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