Autor: ICLG (Seite 1 von 6)

Exklusiv für unsere Mitglieder: Lavant Werk zum Weihnachts-Sonderpreis

Fotos: Wallstein Verlag

Am 11. Oktober 2020 wurde anlässlich der Verleihung des Christine Lavant Preises an Judith Schalansky im RadioKulturhaus erstmals das Gesamtwerk von Christine Lavant in einer kunstvoll gestalteten Kassette präsentiert. Auf insgesamt 2998 Seiten in vier Bänden: Zu Lebzeiten veröffentlichte Gedichte – Zu Lebzeiten veröffentlichte Erzählungen – Gedichte aus dem Nachlass – Erzählungen aus dem Nachlass. Seit Ende Oktober gibt es die Kassette aus dem Wallstein Verlag nun auch im Buchhandel zum Ladenpreis von € 99,00.

Mitglieder unserer Gesellschaft können diese Kassette jetzt zum Sonderpreis von € 75,00 inklusive Versandkosten bestellen und noch vor Weihnachten erhalten. Ein Kontingent für die Mitglieder der Internationalen Christine Lavant Gesellschaft macht dies möglich.

So einfach geht’s zur Weihnachtsaktion:  bis spätestens 4. Dezember eine Mail an office@christine-lavant.com mit Angabe der Lieferadresse oder ein Anruf unter +43-1- 961 82 82-33. Die Rechnung erhalten Sie noch im Dezember per e-Mail oder per Post an Ihre Mitgliedsadresse.

Nutzen Sie diese einmalige Gelegenheit für ein außergewöhnliches Weihnachtsgeschenk!

Dokumente einer ungewöhnlichen Begegnung

Christine Lavant hat bei einem ihrer Wien-Besuche Lotte Tobisch kennengelernt. Die Burgschauspielerin und Grande Dame der Wiener Society, später bekannt geworden als unübertroffene Organisatorin des Wiener Opernballs (1981 – 1996) ist 2019 verstorben. In ihrem Nachlass, der zum Teil der Wien Bibliothek übergeben wurde, finden sich zwei Briefe der Kärntner Dichterin, die von einer ungewöhnlichen Freundschaft erzählen.

Gegensätzlicher können Frauen nicht sein:

Hier die elegante Lotte Tobisch aus einer großbürgerlichen, adeligen Familie, zu Hause in der Welt des Theaters und in Kontakt mit namhaften Intellektuellen. (u.a. ist ihr Briefwechsel  mit Theodor Adorno in Buchform erschienen).

Und dort die einzigartige, in ihrer Erscheinung dem ärmlichen Milieu ihrer Herkunft tief verbundene und dabei so enigmatische Persönlichkeit Christine Lavant.

Wir haben keine genaue Kenntnis von den Begegnungen der beiden Frauen, wir wissen, dass Lotte Tobisch für Christine Lavant öfters Karten fürs Burgtheater oder die Staatsoperbesorgt hat, vielleicht sogar mit ihr einzelne Vorstellungen besucht hat. Es ist anzunehmen, dass die Dichterin auch bei ihr zu Hause zu Gast war.

Es sind in beiden Fällen Dankesbriefe, einmal für Fotos, die ihr Lotte Tobisch geschickt hat, einmal für eine Karte – diese Grüße haben Christine Lavant  sehr gefreut, sie hat diese Aufmerksamkeiten auch als ein Zeichen von Zuneigung verstanden und hat umgekehrt ohne Scheu ihre Bewunderung für die Wiener Freundin zum Ausdruck gebracht.

Originalbrief – Quelle: Wienbibliothek im Rathaus, Handschriftensammlung, Nachlass Lotte Tobisch, ZPH 1827

„Liebe Lotte Tobisch!

Sie sind ein bezauberndes Geschöpf. Daß ich Sie von Anfang an mochte, werden Sie vermutlich gespürt haben. Es ist nicht leicht, mich aus meiner Dumpfheit und Verlassenheit auch nur etwas zu (erhöhen?), aber Ihre Pfingstkarte vermochte es. Liebe, ich hätte es mir bei Gott nicht vorstellen können, daß ein so bezauberndes Geschöpf auch Einsamkeit überstehen muß.

Wenn einige m. Gedichte Ihnen tatsächlich zusagen, dann wird es mich vielleicht nicht mehr so davor ekeln. Wie gütig und großzügig Sie sind. Fast hätte es mich weinen gemacht.

Seien Sie gesegnet und bedankt dafür

Von Ihrer Christine L.“

Die Transkription folgt der Schreibweise der Autorin.

Diese beiden Briefe sind undatiert und so ist nicht genau zu eruieren, wann diese geschrieben wurden. Auch die Poststempel geben keinen Hinweis, da diese über die Jahre unleserlich geworden sind.

In jedem Fall aber sind sie ein beredtes Zeugnis dafür, wie Christine Lavant mit Ihren Texten, aber auch als Person die engen Grenzen ihrer Kärntner Heimat  hinter sich lassen konnte und überall große Anerkennung fand.

Annemarie Türk

Unbekannte Zeichnungen von Christine Lavant aufgetaucht

Bei der Sichtung des Nachlasses des international bekannten Grafikers und Lehrers Johann Hofmann  fielen Dr. Berthold Ecker, Kunsthistoriker und Kurator, 3 Zeichnungen auf, die wohl Christine Lavant zugeschrieben werden könnten und zu erwerben wären. Es war ein überraschender Anruf, als er mich von diesem Fund informierte.

So kamen wir mit der Familie Faiss in Kontakt. Ewald Faiss stammt aus Wolfsberg und hat durch die Freundschaft seines Vaters mit Christine Lavant die Dichterin von früher Jungend an gekannt. Bei einem Besuch in ihrem kleinen Zuhause in St. Stefan im Lavanttal, wahrscheinlich 1968, erzählt Erika Faiss, war auch ihr Bruder, der Grafiker Johann Hofmann dabei. „Christine Lavant hatte es sich auf ihrem bunten, mit Teppichen bestückten Sofa gemütlich gemacht und gerne mit uns geplaudert. Die Zeit verging im Nu … irgendwann fiel ihr Blick auf unsere Wanderschuhe, die sie sehr bewunderte. Zurück in Wien sandte ihr mein Bruder zwei Tage später ein Paar leichte Wanderschuhe, wofür sie sich herzlich bedankte.“ Ganz ist es Frau Faiss nicht erinnerlich, wie diese 3 Zeichnungen in den Nachlass Johann Hofmanns kamen, vielleicht waren diese ein Dank für die Wanderschuhe, die er ihr zum Geschenk machte ? Was Erika Faiss und ihrem Mann blieb ist die Erinnerung „an eine für uns unvergessliche Begegnung“.

Die drei  Zeichnungen auf zwei A4-Blättern zeigen Landschaften, einmal mit Ölkreide ausgeführt, ein andere mit Wasserfarben und mit Ölkreide konturiert sowie eine Filzstiftzeichnung. Zwei sind signiert mit dem für sie charakteristischen Chr.L., Jahresangaben fehlen auch hier wie bei allen bekannten Zeichnungen.

Ihre Motive sind meist der unmittelbaren Umgebung entnommen, sanfte Hügel, Bäume und Blumen; wir kennen von ihr Tag- und Nachtbilder, strahlende Sonnen und den von ihr in ihren Gedichten so oft zitierten Mond.

Christine Lavant hat schon in ihrer Kindheit zu zeichnen begonnen, lange vor ihrer Begegnung und Ehe mit dem Künstler Josef Habernig. Es war ihr das Zeichnen und Malen wohl auch ein wichtiges Ausdrucksmittel und sie schuf zahlreiche Blätter, mit denen sie grosszügig umging und es wird erzählt, dass sie gerne und viele ihrer Zeichnungen verschenkte.

Heutzutage tauchen immer wieder „neue“ Zeichnungen von ihr auf und es ist zu vermuten, dass es noch einige mehr gibt als zur Zeit bekannt sind. Christine Lavant hat ihre Zeichnungen nicht immer signiert und deshalb mag vielen nicht bewusst sein, von wem diese stammen.

Annemarie Türk

*Gespräch mit Erika Faiss am 25.8.2020

Zeichnungen fotografiert von Karin Gasser

Dienstag, 29.09.2020, 19.00 Uhr „Lavant lesen IV“

Angela Krauß & Karl Wagner – „Ich hab ja auch Zeiten, wo ich grundlos glücklich bin“. Gedichte und Prosa

Angela Krauß © Suhrkamp Verlag
Angela Krauß © Suhrkamp Verlag

Literaturhaus Wien – 1070 Wien, Seidengasse 13/Ecke Zieglergasse

Die im Vorjahr begonnene Gesprächsreihe mit Autor/inn/en der Gegenwart über das Werk von Christine Lavant wird mit der Preisträgerin des Christine-Lavant-Preises 2019, Angela Krauß und dem Literaturwissenschaftler und Juror Karl Wagner fortgesetzt.

Angela Krauß, geb. 1950 in Chemnitz, studierte von 1969 bis 1972 an der Fachhochschule für Werbung und Gestaltung in Berlin, 1976 bis 1979 Studium am Literaturinstitut Johannes R. Becher in Leipzig, wo sie seit 1980 als freie Schriftstellerin lebt. 1988 erhielt sie für Der Dienst den Bachmann-Preis, zahlreiche weitere Auszeichnungen folgten (u. a. Hermann-Lenz-Preis 2007; Franz-Nabl-Preis 2011). Zuletzt bei Suhrkamp erschienen: Der Strom (2019), Eine Wiege (2015), Im schönsten Fall (2011).

Karl Wagner, geb. 1950 in Steyr, studierte Germanistik und Anglistik in Wien; 2003 bis 2015 Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Zürich; publizierte zu Robert Walser, Peter Rosegger, Peter Handke u. a.; Literaturkritiker u. a. für Ö1, Falter, Die Presse, Der Standard, NZZ und DRS2.

(Eine Kooperation von Literaturhaus Wien und Internationale Christine Lavant Gesellschaft)

Ö1 Hörspiel des Jahres 2019:

Zweiter Platz für Christine Lavants „Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus“ mit Gerti Drassl und Brot & Sterne – Erster Platz geht an Josef Winkler, „Laß Dich heimgeigen, Vater, oder den Tod ins Herz mir schreibe“

„Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus“ © Mandelbaum
„Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus“ © Mandelbaum

Bei der vom ORF zum 27. Mal durchgeführten Publikumswahl wählten Ö1-Hörerinnen und Hörer aus 27 Neuproduktionen des Jahres 2019 die beliebtesten Hörspiele: Den zweiten Platz zum „Hörspiel des Jahres“ vergaben die Hörerinnen und Hörer an „Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus“ von Christine Lavant. 1935 verbrachte die Kärntner Schriftstellerin Christine Lavant als Zwanzigjährige, nachdem sie einen Suizidversuch mit Medikamenten unternommen hatte, sechs Wochen in der „Landeskrankenanstalt Klagenfurt“. 1946, elf Jahre später, schrieb sie ihre Erlebnisse mit Patientinnen, Pflegerinnen und Ärzten in der Institution Psychiatrie nieder. Peter Rosmanith komponierte mit Franz Hautzinger und Matthias Loibner, die gemeinsam als „Brot & Sterne“ auftreten, die Musik, führte Regie und schuf ein überzeugendes literarisches Klangbild. Gerti Drassl liest den Text mit einer schlichten Innigkeit, die den Kosmos Christine Lavants entstehen lässt und die HörerInnen gefangen nimmt.

Das Hörbuch ist im Mandelbaum-Verlag erschienen und kann über den lokalen Buchhandel bezogen werden.

„Wie pünktlich die Verzweiflung ist“

Himmel, Hölle, Fegefeuer im Werk von Hieronymus Bosch und in der Poesie von Christine Lavant

Hieronymus Bosch, Das Jüngste Gericht,
Foto © Gemäldegalerie der Akademie der Bildenden Künste, Wien
Rötel Portrait, Christine Lavant, Foto © Hans Schmid Privatstiftung

Dieser Abend mit Arnold Mettnitzer, Autor, Theologe und Psychotherapeut und Edgar Unterkirchner, Musiker, Komponist und Saxophonist am Donnerstag, 30. April 2020 um 19 Uhr im Theatermuseum, Lobkowitzplatz 2, 1010 Wien – veranstaltet von der Gemäldegalerie der Akademie der Bildenden Künste – verspricht etwas ganz Besonderes zu werden. Wer die Gedichte von Christine Lavant liest, hält mit Herzblut geschriebene Urerfahrungen in Händen. Lavant ruft, fleht, bittet, klagt, stellt Fragen…                                                       

Anmeldung erforderlich unter +43 (0)1 58816 2201 oder gemaeldegalerie_anmeldung@akbild.ac.at  – www.akademiegalerie.at

Vorausgesetzt, diese Veranstaltung kann zu diesem Zeitpunkt bereits stattfinden.

Lavant lesen IV

Angela Krauß, Foto © Suhrkamp Verlag

Der herbstliche Veranstaltungsreigen beginnt am Dienstag, den 29. September 2020, im Literaturhaus Wien.

Die Veranstaltungen „Lavant lesen I – III“ begleiteten die Ausstellung „ Ich bin wie eine Verdammte die von Engeln weiß“ (9. Mai – bis 25. September 2019) im Literaturhaus Wien und stießen auf großes Interesse. Mitglieder des literarischen Beirats luden Schriftsteller und  Schriftstellerinnen ein, um mit ihnen gemeinsam bekannte und unbekannte Texte Christine Lavants auszusuchen,  zu lesen und zu besprechen. Die Mitglieder des literarischen Beirats, Daniela Striegl, Klaus Amann und Karl Wagner gestalteten mit Andrea Grill, Bodo Hell und Stefanie Sourlier  drei  anregende  Abende,  die auf sehr unterschiedliche Weise ins Werk der Christine Lavant einführten.

Aufgrund dieses Erfolgs wird die Reihe „Lavant lesen“ auch 2020 fortgesetzt. Ende September wird die Lavant-Preisträgerin 2019, Angela Krauß zu Gast im Literaturhaus und bei Karl Wagner sein. Angela Krauß hat sich zeit Ihres Lebens mit dem Werk von Christine Lavant auseinandergesetzt und das Gespräch mit ihr verspricht einen sehr spannenden Abend.

Lavant lesen IV: Angela Krauß – Karl Wagner – Dienstag, 29. September 2020, 19 Uhr

Literaturhaus Wien –  1070 Wien, Seidengasse 13

Buch Wien 2020

Die Internationale Christine Lavant Gesellschaft wird wieder zu Gast auf der Buch Wien (12. – 15. November 2020) sein. Neu in diesem Jahr ist eine Abendveranstaltung in diesem Rahmen am Samstag, den 14. November 2020 im Bank Austria Salon im Alten Rathaus in Wien. Bei diesem Abend  wird der/die Christine-Lavant-PreisträgerIn 2020 aus eigenen Werken lesen. Weitere Details erhalten Sie rechtzeitig per Newsletter.

Lavant übersetzt

Die Lyrik Christine Lavants in russischer Übersetzung

© Ernst Peter Prokop

Immer wieder wagen sich ÜbersetzerInnen an die Lyrik Christine Lavants. Und so gibt es ihre Gedichte mittlerweile in den unterschiedlichsten Sprachen. Mit den Übersetzungen ins Russische beschäftigt sich eine wissenschaftliche Abschlussarbeit aus dem Jahr 2012. Das Textkorpus, das es an Übersetzungen ins Russische gibt, ist nicht allzu groß, vor allem wenn man es mit der Fülle an Übersetzungen von anderen österreichischen AutorInnen vergleicht. Nur der Gedichtband ,Die Bettlerschale‘ wurde als ganzes ins Russische übersetzt, allerdings als eine Art „Lesebuch“, d.h. als zweisprachigen Gedichtband. Abgesehen davon finden sich nur einzelne Gedichte in verschiedenen Anthologien. Die Diplomarbeit analysiert knapp 20 Übersetzungen mit einem sehr textnahen, strukturalistischen Ansatz.

Ein zentraler Befund dieser Übersetzungs-Analyse lautet: Lavants Lyrik zu übersetzen ist keine leichte Aufgabe. Dafür gibt es unterschiedliche Gründe, im Folgenden sollen vor allem drei kurz vorgestellt werden: 

Reim und Versmaß

Der Reim und das Versmaß spielt in Lavants Gedichten eine wesentliche Rolle. Wenn das Sprachsystem der Zielsprache sich stark vom deutschen Sprachsystem unterscheidet, wie das im Russischen der Fall ist, dann ist es sehr schwer, dem Originalgedicht sowohl äußerlich – also eben in Reim, Versmaß, Silbenanzahl, Strophenform, etc. – als auch inhaltlich zu folgen. Häufig entscheiden sich ÜbersetzerInnen dafür, dem Original entweder in der Form oder im Inhalt mehr zu entsprechen. Der jeweils andere Aspekt der Lyrik geht in so einem Fall aber beinahe zwangsläufig verloren. 

Komposita und Metaphorik

Für die Lyrik Christine Lavants sind neben ihrer – oft recht hermetischen – Metaphorik vor allem auch ihre Komposita, also zusammengesetzte Wörter, besonders typisch (z.B. Sonnenapfel, Bettlerschale, Trübsinnsstaude, uvm.). Andere Sprachen, wie auch das Russische, sind in der Kompositabildung weit weniger produktiv. Anders gesagt: Das Deutsche ist weithin bekannt dafür, speziell produktiv in der Kompositabildung zu sein (vgl. den gern als Beispiel herangezogenen Donaudampfschifffahrtskapitän und seine Mütze). Im Russischen werden diese Worte häufig mit Genetivkonstruktionen umschifft, was inhaltlich manchmal funktioniert, in anderen Fällen aber eine große Bedeutungsänderung bewirkt. Besonders problematisch wird diese Art der Übersetzung bei Komposita, die im Deutschen als fixe Wendungen gebraucht werden, über den deutschen Sprachraum (bzw. oft nur über die Grenzen Österreichs oder auch nur des Kärntner Lavanttals) hinaus, gänzlich unbekannt sind. So werden in den beiden russischen Übersetzungen des Gedichts „Es riecht nach Schnee“ (s.u.) aus den „Sternensingern“, die durchs Dorf gehen, wahlweise entweder „Lieder über Sterne“ bzw. „ausgereifte Liedern, welche Sterne“. Ein für österreichische LeserInnen sehr klares Bild, wird damit in den Übersetzungen wesentlich schwieriger nachvollziehbar und mitunter unverständlich. 

Ich und Du

Ein Spezifikum des Russischen (wie generell der slawischen Sprachen) ist, dass das Geschlecht eines Subjekts u.a. auch durch Verben und Adjektiv angezeigt wird (indem die Endung jeweils angepasst wird). Das hat zur Folge, dass in vielen russischen Übersetzungen das Ich und das Du aus vielen Lavant-Gedichten geschlechtlich markiert werden, während im Deutschen eine solche Zuteilung in den meisten Fällen ausbleibt. Damit passiert häufig eine Festlegung in der Übersetzung, und somit auch schon eine Interpretation. Wenn zum Beispiel das Ich als weibliches Ich fixiert wird und das Du als männliches Du, verkleinert das den Interpretationsspielraum erheblich. In einem der in der Arbeit analysierten Gedichte wird das Ich als männlich fixiert, was – angesichts der starken Rückbindung an die Autorin – sogar einen noch größeren Eingriff in die Interpretationsmöglichkeiten darstellt. 

Nach diesem Einblick lässt sich die Frage nach der Übersetzbarkeit der Lyrik Lavants abschließend vielleicht wie folgt zusammenfassen: Es ist nicht unmöglich, aber einfach ist es nicht! Das soll keinen Grund darstellen, keine Lyrik-Übersetzungen mehr zu lesen, sondern vielmehr eine Aufforderung dazu sein, in Zukunft den eigenen Umgang mit Übersetzungen zu überdenken und sich jedenfalls dessen bewusst zu sein, dass es sich eben um eine Übersetzung und damit ein Stück weit auch um eine Interpretation des Originals handelt. 

Zu guter Letzt sollen für des Russischen Kundige hier noch beispielhaft zwei Übersetzungen ein und desselben Lavant-Gedichtes präsentiert werden: 


Christine Lavant 

Aus: ,Die Bettlerschale‘

Es riecht nach Schnee, der Sonnenapfel hängt

so schön und rot vor meiner Fensterscheibe;

wenn ich das Fieber jetzt aus mir vertreibe,

wird es ein Wiesel, das der Nachbar fängt,

und niemand wärmt dann meine kalten Finger.

Durchs Dorf gehen heute wohl die Sternensinger

und kommen sicher auch zu meinen Schwestern.

Ein wenig bin ich trauriger als gestern,

doch lange nicht genug, um fromm zu sein.

Den Apfel nähme ich wohl gern herein

und möchte heimlich an der Schale riechen,

bloß um zu wissen, wie der Himmel schmeckt.

Das Wiesel duckt sich wild und aufgeschreckt

und wird vielleicht nun doch zum Nachbar kriechen,

weil sich mein Herz so eng zusammenzieht.

Ich weiß nicht, ob der Himmel niederkniet,

wenn man zu schwach ist, um hinaufzukommen?

Den Apfel hat schon jemand weggenommen …

Doch eigentlich ist meine Stube gut

und wohl viel wärmer als ein Baum voll Schnee.

Mir tut auch nur der halbe Schädel weh

und außerdem geht jetzt in meinem Blut

der Schlaf mit einer Blume auf und nieder

und singt für mich allein die Sternenlieder.




Übersetzung: O. Dumler

Запахло снегом, солнце за окном

на яблоко созревшее похоже;

мне жарко, но тепла я не тревожу:

сбежит к соседу маленьким зверьком,

и мне никто уж не согреет руки.

О звездах песен ждут мои подруги

от тех, кто к ним придет сегодня в дом,

и грустно мне, хоть страх мне незнаком,

грущу сегодня больше, чем вчера.

Я знаю, яблоко сорвать пора

и запах кожуры вдохнуть украдкой,

чтоб запах неба наконец узнать.

Зверек мой, ласка, собралась бежать

к соседу, видно, ей со мной не сладко,

и сердце вдруг сжимается в комок.

А небо наклонилось бы само

к тому, кто вверх поднимется едва ли?

Но вот куда-то яблоко убрали …

Так славно в моей комнате зимой,

у дерева в снегу все ж холоднее …

Боль в голове становится слабее,

и вот уже приходит сон цветной,

баюкает меня, меня качает

и песни звездные лишь мне слагает.




Übersetzung: Svetlana Odinzova

Так пахнет снегом, солнце зависает

Красивым яблоком златым за рамой,

И если жара след стряхну туманный,

Он лаской станет, что сосед поймает.

Тогда никто руки мне не согреет.

В селе, наверно, нынче песни зреют

Что звезды; будут петь и сестрам нашим.

Печальней нынче я, чем днем вчерашним,

Но уж давно забыла кроткой быть.

И яблоко хотелось бы впустить,

И в чаше дух его тайком вкусить,

Но только, чтобы неба вкус узнать.

И ласка будет прыгать и стонать,

Чтоб все-таки к соседу уползти,

Ведь сердцу тесно моему в постели.

А небо может падать на колени,

Коль нету сил совсем к нему подняться?

И к яблоку другой уж смог добраться …

Но комнатка моя притом добрей

И в ней теплей, чем дереву под снегом.

И полон череп вполовину бредом,

Восходит сон в крови моей скорей

С цветком покорным снова. И уходит.

И для меня одной песнь звезд приходит.



Text: Hanna Biller

Für Interessierte finden sich alle Quellenangaben und die gesamte Arbeit „Die Lyrik Christine Lavants in russischer Übersetzung“ unter folgendem Link zur Nachlese: http://othes.univie.ac.at/21840/1/2012-08-13_0507978.pdf

Hanna Biller ist unter anderem Literaturwissenschaftlerin und hat ihr Studium der Slawistik und ihr Studium der Germanistik mit Diplomarbeiten über die Lyrik Christine Lavants abgeschlossen. Mit diesem Beitrag verabschiedet sie sich nach knapp drei Jahren von ihrer Rolle als Projektassistentin der Internationalen Christine Lavant Gesellschaft.

Interview mit dem Fotografen Ernst Peter Prokop

© Ernst Peter Prokop

Annemarie Türk: Sie haben 1963 Christine Lavant in ihrer Wohnung in St. Stefan im Lavanttal fotografiert und dabei ist ein beeindruckender Zyklus von 20 Bildern entstanden. War dies Ihre erste Begegnung mit der Dichterin?

Ernst Peter Prokop: Durch ein Foto von Franz Hubmann und Bilder von Werner Berg, wurde ich auch optisch auf Christine Lavant aufmerksam. Ihr ausdrucksstarkes Gesicht wollte ich unbedingt vor meine Kamera bekommen.

Im Oktober 1962 hatte ich eine Fotoausstellung in der Aula des Landesmuseums für Kärnten. Bei dieser lernte ich eine Gruppe angehender Lehrerinnen der LBA Klagenfurt kennen. Dabei war auch Barbara Grass, damals Schülerin der Lehrerbildungsanstalt, sie musste eine Arbeit bei Prof. Haselbach entweder über Ingeborg Bachmann oder Christine Lavant schreiben. Sie entschied sich für letztere. Ich bat sie, sie möge mit Christine Lavant einen Termin vereinbaren. Trotz hartnäckiger Anfragen von Barbara Grass sagte Christine Lavant mehrfach ab, –  „Barbara, du Sargnagel, gibst noch immer keine Ruhe“.  Im Mai 1963 gewährte sie doch einen Termin mit mir als Fotografen. Sie gab dabei auch zu verstehen, dass sie gerne für Fotos zu Verfügung stehe.

Der erste Termin war zu Allerheiligen 1962 geplatzt, der mir aber wahrscheinlich mein Leben rettete. Zwei Freunde wollten mit mir den Stüdelgrat auf den Großglockner gehen, ich sagte ihnen ab. Die beiden sind auf dieser Tour leider durch Blitzeis ums Leben gekommen.

Im Mai fuhr ich schließlich mit meinem Puchroller von Klagenfurt zuerst nach Wolfsberg, holte Barbara vom Autobus ab, und dann weiter nach St. Stefan in die Mansarden Wohnung von Christine Lavant.

Türk: Können Sie uns etwas erzählen über die Umstände und die Atmosphäre, in der diese Aufnahmen entstanden sind?

Prokop: Sie begrüßte uns sehr freundlich, beschwerte sich aber gleich, dass sie nun wieder einheizen müsste und kochen, da auch Kaffeekochen so gar nicht ihre Stärke sei. Barbara wurde angewiesen den kleinen Ofen einzuheizen, was ihr nicht auf Anhieb gelang. Christine Lavant reagierte darauf ziemlich ungehalten. Schließlich hat dann doch alles gepasst.

Ich bat sie mir ein Autogramm in einen Paperback Band ,Wirf ab den Lehm‘ zu geben. Sie sah mich von unten sehr verschmitzt an und sagte, dass sie gar nicht schreiben könne. Auf meinen nochmaligen Wunsch hin und den Einwand, dass ich das nicht glaube, machte sie 3 Kreuze ins Buch. Nach meinem abermaligen Prostet schrieb sie dann doch gutgelaunt ihren Namen ins Buch.

Inzwischen trafen drei Germanistikstudenten ein, sie meinte, dass sie zu wenig Platz für sie hätte, aber dann blieben sie doch längere Zeit.     

© Ernst Peter Prokop

Türk: Christine Lavant wirkt auf allen diesen Fotos entspannt, sehr wach und aufmerksam und scheint der Kamera keine Aufmerksamkeit zu schenken…

Prokop: Es war für mich ein Zusammentreffen glücklicher Umstände: Durch die Diskussionen, denen Christine Lavant konzentriert folgte, war sie von der Kamera abgelenkt, und die Tischlampe wirkte wie eine Fotoleuchte mit sehr wenig Licht. Dabei rauchte sie ununterbrochen ihre filterlosen Players Navy Cut Zigaretten. Es ging bei der Diskussion um ihren Briefverkehr mit Martin Buber und anderen deutschen Dichtern und Intellektuellen. Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass ihr das Fotografiert werden Spaß machte, sie dabei auch belustigt und unterhaltsam reagierte. 

Mich faszinierten vor allem ihre Augen und ihr ausdrucksstarkes Gesicht mit dem sich ständig veränderten Ausdruck und den lebendigen Bewegungen ihrer Hände.

TürkHaben Sie ihr diese Fotos gezeigt und wie hat sie darauf reagiert?

Prokop: Es entstanden dabei 30 Aufnahmen, die ich auch als Mappe anbiete und auch schon bei mehreren Ausstellungen gezeigt habe (wie zuletzt im Literaturhaus Wien bei ,Ich bin wie eine Verdammte die von Engeln weiß‘ 2019)

Sie hat von mir dann auch einen Teil der Fotos erhalten, die ihr sehr gut gefielen.

Türk: Kam es zu weiteren Treffen und gibt es eventuell auch noch andere, bislang nicht gezeigte Fotos?

Prokop: Barbara Grass hat mir versichert, dass sie einen neuen Fototermin haben wollte, zu dem es dann aber leider nicht mehr kam. 

Als Pressefotograf traf ich sie noch öfters bei verschiedenen Veranstaltungen, Lesungen und Konzerten, bei denen es jedoch nicht möglich war ein Gespräch zu führen.

 Auf der Website von Ernst Peter Prokop finden Sie weitere Informationen: fotoprokop.com

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