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Christine Lavant wurde am 4. Juli 1915 als neuntes Kind eines Bergarbeiters und einer Flickschneiderin in Groß-Edling bei St. Stefan im Kärntner Lavanttal geboren. Ihr Familienname war Thonhauser. Den Namen Lavant (nach dem Fluss) verwendet sie seit 1948 als Pseudonym. Sie wuchs in ärmlichsten Verhältnissen auf und ihre Kindheit war geprägt von der ‚Arme-Leute-Krankheit‘ Skrofulose, die auch ihr Sehvermögen und ihr Gehör schädigte. 1924 rettete ihr der Primarius der Augenabteilung des Klagenfurter Landeskrankenhauses, Dr. Adolf Purtscher, das Augenlicht. Er und seine Frau, Paula Purtscher, waren die ersten, die ihre literarische Begabung erkannten und die ihre schriftstellerische Tätigkeit aktiv förderten. Unter anderem vermittelten sie ihre ersten Verlagskontakte. In der Erzählung ‚Das Kind‘, die 1948 als Lavants erste Buchveröffentlichung erschien, hat sie dem geliebten „Primariusdoktor“ ein Denkmal gesetzt. In ihrem zwölften Lebensjahr (1927) erkrankte sie an Lungentuberkulose. Die Ärzte des Wolfsberger Krankenhauses gaben ihr nur noch ein Jahr zu leben und behandelten sie versuchsweise mit hoch dosierten Röntgenstrahlen. Die Wunden der Skrofulose wie auch die Tuberkulose heilten überraschenderweise aus. Zurück blieben Verbrennungen an Brust, Hals und Gesicht der rechten Körperhälfte und eine starke Temperaturempfindlichkeit am Kopf. (Vornehmlich  aus diesen Gründen trug sie später häufig ein Kopftuch.) Den Besuch der Hauptschule musste sie aus gesundheitlichen Gründen abbrechen, die Volksschule beendete sie 1929 ohne formellen Abschluss.

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Christine Lavant – © Ernst Peter Prokop

Christine Thonhauser war zu arm, um das Lehrgeld für eine Berufsausbildung aufzubringen, körperlich und seelisch zu instabil, um einer regelmäßigen Beschäftigung nachzugehen. 1930/1931 besuchte sie einige Monate lang die landwirtschaftliche Haushaltungsschule Kloster Hochstraß in der niederösterreichischen Gemeinde Stößing (40 km südwestlich von Wien), sie brach die Ausbildung jedoch bald ab. Der Grund waren vermutlich Konflikte mit der Leitung der Anstalt, da sie sich offenbar den Vorstellungen und Ansprüchen der geistlichen Schwestern (von der ‚Kongregation der Töchter der göttlichen Liebe‘) nicht gewachsen fühlte. Einen trostlosen Nachhall dieser Erfahrung bewahrt ihre Erzählung ‚Maria Katharina‘.

Sie kehrte in die beengte elterliche Wohnung zurück, erlernte von der geliebten Mutter das Stricken, las viel – und begann wie besessen zu schreiben. Erste Gedichte erschienen 1933 und 1935 in den ‚Unterkärntner Nachrichten‘. Das Manuskript eines autobiographischen Romans, den Josef Friedrich Perkonig – seinerzeit der angesehenste Schriftsteller Kärntens – zur Publikation empfohlen hatte, wurde von einem Grazer Verlag zuerst angenommen, dann aber abgelehnt, was Lavant in ihren literarischen Aspirationen so entmutigt haben dürfte, dass sie das Manuskript vernichtete.

Christine Lavant - Hans Schmid Privatstiftung

Christine Lavant – © Hans Schmid Privatstiftung

In einer ihrer regelmäßig wiederkehrenden Phasen von Schwermut versuchte sie sich 1935 mit Schlafpulver das Leben zu nehmen.  Ihren darauf folgenden sechswöchigen freiwilligen Aufenthalt in der ‚Landes-Irrenanstalt‘  in Klagenfurt hat Lavant elf Jahre später (1946) in einer ihrer  großartigsten Erzählungen, den ‚Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus‘,  literarisch verarbeitet. Kurz nach dem Tod der Eltern (und dem unfreiwilligen Auszug aus der elterlichen Wohnung) heiratete sie 1939 den um 36 Jahre älteren Landschaftsmaler Josef Benedikt Habernig, einen gebildeten, sensiblen Mann, der ihr gewiss auch Halt und Stütze war. Im Dorf galt sie, nicht zuletzt aufgrund ihres Aufenthaltes in der Psychiatrie, aber auch aufgrund ihrer literarischen Ambitionen als Außenseiterin und als  „Verrückte“; „die spinnt“, hieß es. Im Zusammenhang mit den auch in Kärnten exzessiv betriebenen ‚Euthanasie‘-Aktionen der Nationalsozialisten  hatte sie mit großer Wahrscheinlichkeit ein klares Bewusstsein ihrer eigenen Gefährdung.  So viel wir heute wissen, vernichtete sie die bis dahin entstandenen Manuskripte, hörte mit dem Schreiben auf, zog sich zurück und lebte vom Stricken. Während des Zweiten Weltkriegs sei sie, wie sie selbst schrieb, zu einer „völligen innerlichen Stummheit verurteilt“ gewesen. Einen gewissen Schutz dürfte sie auch durch Verwandte und Freunde erfahren haben, die dem Regime nahe standen.

Mit dem Schreiben begann sie wieder Ende 1945. Ihr einzigartiges literarisches Werk: mehr als 1700 Gedichte und 1200 Seiten Prosa entstanden in oft geradezu rauschhaften, hochkonzentrierten Arbeitsphasen in weniger als eineinhalb Jahrzehnten von 1946 bis Ende der 1950er Jahre. Die Hälfte davon blieb zu ihren Lebzeiten unveröffentlicht und erscheint nun erstmals, herausgegeben von Klaus Amann und Doris Moser, in der vierbändigen kommentierten Werkausgabe im Verlag Wallstein (Göttingen).

Christine Lavants Lyrik zählt zum Eigenständigsten und Besten, das im 20. Jahrhundert in deutscher Sprache geschrieben wurde. Als große Prosa-Autorin ist die Dichterin von einer breiteren Öffentlichkeit noch zu entdecken. Sie erzählt hinreißend von dem, was sie am besten kennt: von verletzten Kinder- und Frauenseelen, von den feinen und weniger feinen gesellschaftlichen Unterschieden, von Armut, Krankheit und Ausgrenzung, von erzwungener Anpassung, Bigotterie und Gewalt, aber auch von der befreienden Kraft der Liebe und der Fantasie. Christine Lavant, deren Werk jenem ihrer Zeitgenossinnen Ingeborg Bachmann und Ilse Aichinger kongenial ist, starb nach einem Herzinfarkt am 7. Juni 1973 in Wolfsberg. Sie ist in St. Stefan begraben.

Text: Klaus Amann

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Christine Lavant – © Ernst Peter Prokop

Das Werk von Christine Lavant erscheint im Verlag Wallstein, Göttingen. Die vierbändige kommentierten Werkausgabe, die zur Hälfte bisher unveröffentlichte Texte aus dem Nachlass enthält (Band 3 und 4), wurde im Auftrag des Robert-Musil-Instituts der Universität Klagenfurt und der Hans Schmid Privatstiftung, Wien, von Klaus Amann und Doris Moser herausgegeben.

Die Werkausgabe

Bd. 1: Christine Lavant: Zu Lebzeiten veröffentlichte Gedichte. Hrsg. von Doris Moser und Fabjan Hafner unter Mitarbeit von Brigitte Strasser. (720 S.) Göttingen: Wallstein 2014

Bd. 2: Christine Lavant: Zu Lebzeiten veröffentlichte Erzählungen. Hrsg. von Klaus Amann und Brigitte Strasser. (800 S.) Göttingen: Wallstein 2015

Bd. 3: Christine Lavant: Gedichte aus dem Nachlass. Hrsg. von Doris Moser und Fabjan Hafner unter Mitarbeit von Brigitte Strasser. (650 S.) Göttingen: Wallstein 2017

Bd. 4: Christine Lavant: Erzählungen aus dem Nachlass. Mit ausgewählten autobiografischen Dokumenten. Hrsg. von Klaus Amann und Brigitte Strasser. (830 S.) Göttingen: Wallstein 2018

»eine mustergültige Edition«
(Neue Zürcher Zeitung)

Einzelausgaben

Christine Lavant: Das Wechselbälgchen. Neu herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Klaus Amann. (104 S.) Göttingen: Wallstein 2012

Christine Lavant: Das Kind. Neu herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Klaus Amann. (96 S.) Göttingen: Wallstein 2015

Christine Lavant: Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus. Neu herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Klaus Amann. (140 S.) Göttingen: Wallstein 2016

»Weltliteratur aus dem Lavanttal«
(Falter, Wien)

Alle Bände wurden nach den Manuskripten Christine Lavants bzw. nach den Erstdrucken neu ediert und enthalten aufschlussreiche Dokumente, Kommentare und Nachworte zur Entstehungsgeschichte der Werke und zur Biografie der Dichterin.

Zum 100. Geburtstag Christine Lavants erschien ein Sammelband mit klugen, subtilen und überraschenden literarischen ‚Antworten‘ zeitgenössischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller auf das Werk und die Person der Dichterin:

Drehe die Herzspindel weiter für mich. Christine Lavant zum 100. Hrsg. von Klaus Amann, Fabjan Hafner und Doris Moser. (184 S.) Göttingen: Wallstein 2015

Mit Originalbeiträgen von Andreas Altmann, Konstantin Ames, Christoph W. Bauer, Ann Cotten, Dorothea Grünzweig, Maja Haderlap, Peter Hamm, Kerstin Hensel, Gabriele Kögl, Michael Krüger, Sibylle Lewitscharoff, Friederike Mayröcker, Julian Roman Pölsler, Steffen Popp, Teresa Präauer, Ilma Rakusa, Arne Rautenberg, Monika Rinck, Hansjörg Schertenleib, Evelyn Schlag, Ferdinand Schmatz, Kathrin Schmidt, Silke Andrea Schuemmer, Ulf Stolterfoth, Marlene Streeruwitz, Raphael Urweider und Uljana Wolf.

Vgl. auch: wallstein-verlag.de

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