Tess Lewis zählt zu den bekanntesten und besten Übersetzerinnen deutschsprachiger Literatur.

Tess Lewis – © Sarah Shatz

Nach einem Studium an der Oxford University in Großbritannien und der University of Notre Dame in Indiana/USA hat sie ihr Weg auch an die Universität Innsbruck geführt, wo ihre intensive Auseinandersetzung mit deutschsprachiger Literatur begonnen hat.

Die Liste ihrer Übersetzungen ist lang, ebenso wie die Liste all der Auszeichnungen, die sie für ihre Übersetzungen aus dem Französischen und Deutschen erhielt. Hervorgehoben seien in diesem Newsletter aber ihre Übersetzungen von gleich vier Preisträger:innen des Christine Lavant Preises: Klaus Merz, Maja Haderlap, Alois Hotschnig und Laura Freudenthaler.

AT: Sie sind eine ausgewiesene Kennerin österreichischer Gegenwartsliteratur, – wie und wann entdeckten Sie Christine Lavant und was hat Sie bewogen, Erzählungen von ihr zu übersetzen.

Tess Lewis: Bis vor fünfzehn Jahren kannte ich Christine Lavant nur als Dichterin und Verfasserin der Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus. Als ich Ende der Nullerjahre hauptberuflich zu übersetzen anfing, haben mir öfters ‚meine‘ Autor*nnen die Erzählungen von Christine Lavant empfohlen. So habe ich sie als Erzählerin entdeckt und war sofort angetan. Meine starke Anziehung ist nicht überraschend, weil die Schriftsteller*nnen, deren Texte mir besonders am Herzen liegen, wie zum Beispiel Klaus Merz, Alois Hotschnig und Maja Haderlap, um nur die Lavantpreisgekrönten zu nennen, so verschieden sie auch sind, eine tiefliegende Wahlverwandtschaft mit Christine Lavant zeigen, sei es eine tiefsinnige Empathie mit Machtlosen und Leidenden, ein Gespür für die Skurrilität der menschlichen Bedingung und für ihre Würde, oder ein Verständnis für den Hang zur Selbsttäuschung. Zudem finde ich Lavants Begabung, ganze Welten in den unwahrscheinlichsten und am wenigsten verheißungsvollen Schauplätzen zu schaffen, sehr eindrucksvoll, und ich wollte englisch-sprachigen Leser*nnen ein Fenster zu diesen Welten öffnen.

AT: Mich hat Ihre Auswahl der Erzählungen sehr beeindruckt, denn darunter sind auch einige, die nicht so oft rezipiert werden und auch im deutschen Sprachraum nur wenigen bekannt sind. Warum diese Erzählungen ? Was war für Ihre Auswahl entscheidend?

Tess Lewis: Meine Auswahl wurde zu gleichen Teilen von Begeisterung und Strategie bestimmt. Ich wollte Lavants Erzählungen in ihrer ganzen Vielseitigkeit und Subtilität, ihrer schelmischen Ironie, ihrem Humor, wie auch in ihrer sozialkritischen Wucht vorstellen, aber der Verlag hat mir nur 300 Seiten erlaubt. Natürlich mussten ‚Das Wechselbälgchen‘ und ‚Das Kind‘ dabei sein. ‚Kubinchen‘ finde ich einfach großartig wegen Lavants bissigem Spiel mit dem Autobiographischen—bevor sie in Kubinchen (aus Konkubine) umbenannt wurde, hatte die Protagonistin, Ernelinde, eine Zivilehe geschlossen mit einem älteren, mittelosen Maler namens Habewohl (später als Habenichts gespottet). Es ist eine sanfte Rachegeschichte auf mehreren Ebenen. ‚Nell‘ entwickelt die Kritik an der Katholischen Kirche weiter, die im Wechselbälgchen schon präsent ist, und hat eine wunderbare Heldin, die so imposant wie befremdlich ist. Ich wollte auch kürzere Erzählungen wie ,Der Taschendieb‘ und die Tierfabel ‚Honighälslein‘ aufnehmen. Die erste ist eine knappe Entblößung der düsteren Seiten des friedlichen Dorflebens, und die zweite eine verschmitzte Spiegelung menschlicher sozialer und familiärer Machtverhältnisse auf einem Hühnerhof. Und als letzte wählte ich ‚Die dunkle Wölbung meines Herzens‘, die Christine Lavant kurz nach ihre Entdeckung Rilkes geschrieben hat, damit die Leser*nnen auch ein Gefühl für das Lyrische in ihrem Schreiben bekommen könnten.

Das war keine leichte Aufgabe. Wenn diese Erzählungen in der Anglosphäre Anklang finden, hoffe ich einen zweiten Band herauszubringen. Es gibt noch viele Schätze zu bergen.

AT: Was sind die Herausforderungen beim Übersetzen von Texten Christine Lavants?

Tess Lewis: Herausforderungen gibt es viele, und sie sind enorm. Für mich ist Lavants Prosa eine Art literarische art brut. In ihrer Prosa hält sie eine feine Balance zwischen Naivität und Scharfsinn. So eine Balance war auf Englisch sehr schwer zu finden. Zudem ist ihr Stil stark vom mündlichen Erzählen geprägt und Dialekt-gefärbt. Ihre Diktion hat oft einen altertümlichen Ton, wegen ihrer Vorliebe für Wörter, die nur im Grimms Wörterbuch zu finden sind, wie zum Beispiel ‚Mutterkugel‘, Armutei‘, ‚gerechtelt, oder ‚Krampel‘. Auch benutzt sie Wörter oder Redewendungen, die ganz ihrem eigenen Idiolekt gehören, wie ‚langefort‘, oder ‚Abpost‘. Ohne das Glossar von Klaus Amann (und seine Unterstützung, als ich jahrelang nach einem Amerikanischen Verlag suchte) wäre mir diese Übersetzung unmöglich gewesen. Die Erklärungen und Geduld meiner Kärntner Freunde waren auch unverzichtbar.

AT: Vermutlich ist Christine Lavant in den USA nicht oder nur sehr wenigen Literaturinteressierten bekannt. Wie glauben Sie, werden amerikanische Leser:innen auf die Erzählungen von Christine Lavant reagieren? Was kann diese Kärntner Dichterin, die vor 53 Jahren starb, Amerikaner:innen heute vermitteln? 

Tess Lewis: Die Aufzeichnungen sind im Jahr 2004 auf Englisch erschienen, und vor zehn Jahren hat der Übersetzer David Chorlton eine zwei-sprachige Auswahl ihrer Gedichte veröffentlicht, beide Bücher in kleinen Verlagen. Leider ist Christine Lavant dadurch aber kaum zur Kenntnis genommen worden. Ich hoffe, die Erzählungen werden aufgrund der Reichweite von New York Review Books viele neue Leser*nnen erreichen und überzeugen können. Christine Lavant ist aber nicht nur eine begabte Erzählerin. Ich bin überzeugt, dass sie uns gerade in diesem Moment mit ihrer klaren, illusionslosen Sicht auf die Auswirkungen der Religion viel zu vermitteln hat —besonders, wenn unbeugsame Gläubige in Machtpositionen sind—und in Bezug auf die verdeckten und offenen Verflechtungen von unserem Innenleben und Gewalt. Haben wir den Feudalismus tatsächlich hinter uns gelassen? Was macht ihn immer noch so verlockend?

In den Vereinigten Staaten gibt es einige mit Christine Lavant vergleichbare Schriftstellerinnen, die zeitgleich mit ihr geschrieben haben. Katherine Anne Porter, Eudora Welty, und Flannery O’Connor—alle drei aus dem Süden—beschäftigen sich in regional verorteten, mündlich geprägten Erzählungen mit den gleichen Themen: den Schäden, die sich durch Armut und eine hierarchisch geprägte Gesellschaft für Seele und Psyche ergeben zum Beispiel, oder wie belastete Menschen mit der Religion und mit kirchlichen Missständen hadern. Und wie Christine Lavant haben diese Schriftstellerinnen ein feines Gehör für den dörflichen Tratsch. Besonders Welty und O’Connor sind hier noch sehr präsent und haben eine große Leserschaft, die auch für die Erzählungen Christine Lavants zu gewinnen sein müsste.

AT: Ganz allgemein, – warum soll man Christine Lavant heute, in diesen schwierigen Zeiten, lesen, nicht nur in den Vereinigten Staaten und im deutschen Sprachraum – was hat uns diese einzigartige Frau heute noch zu sagen?

Tess Lewis: Außer der Klarsicht auf Machtverhältnisse und gesellschaftliche Scheinheiligkeit, die ich in meiner letzten Antwort erwähnt habe, finde ich ihren einzigartigen Umgang mit der Sprache als ein wichtiges Vorbild und Inspiration, angesichts der zunehmenden Abstumpfung unserer Ausdruckskraft sowie unserer Vorstellungskraft durch angreifende Algorithmen und LLMs (Large Language Models).  

AT: Im Frühjahr 2027 wird die Übersetzung dieser Erzählungen erscheinen, ist es denkbar, dass Sie sich künftig auch einmal der Lyrik, den Gedichten Christine Lavants, zuwenden?

Tess Lewis: So sehr ich die Gedichte Lavants bewundere, habe ich nie gewagt, sie zu übersetzen. Mit ihrer Musikalität, ihrer Vielschichtigkeit, mit den Wortspielen, dem starken Rhythmus und den gekonnten Reimen grenzt ihre Lyrik an Unübersetzbarkeit. David Chorlton hat sich in seiner Auswahl hauptsächlich auf ihre Gedichte in freien Versen beschränkt, weil ihre Reime auf Englisch meist ihre Leichtigkeit verlieren. In seinem Notizbuch Seconde Semaison hat der Dichter Philippe Jaccottet die Gedichte Christine Lavants als „so schön wie die alten Kreuze in Landkirchen, wie alter Stoff, grob und rau“ beschrieben. Vielleicht werde ich mich eines Tages dieser Schönheit einigermaßen gewachsen fühlen.

AT: Vielen Dank, dass Sie sich Zeit genommen haben und für Ihr Interesse an Christine Lavant und die Übersetzungen, die helfen ihr Werk in die Welt zu tragen.