Anna Kove in der Universitöt in Shkodra – © Tommy Schneider

Im Frühjahr dieses Jahres ist im Verlag Aleph Publishing in Tirana eine erste Übersetzung von Gedichten Christine Lavants ins Albanische erschienen. Im Interview mit der Übersetzerin Anna Kove erfahren Sie mehr über die Herausforderungen dieser Übersetzungsarbeit und die Entdeckung Christine Lavants in Albanien.

AT: Wie und wann hast Du Christine Lavant entdeckt? Und wann hast Du Dich entschlossen, Gedichte von ihr ins Albanische zu übertragen?

Anna Kove

Ich hatte bis vor Kurzem nur von einem wichtigen Literaturpreis gehört, der den Namen Christine Lavant trägt und den unter anderem Autorinnen erhalten haben, die ich sehr schätze – wie Maja Haderlap oder Judith Schalansky. Meine eigentliche Entdeckung von Christine Lavant geschah jedoch viel später und auf sehr persönliche Weise. Als ich im November 2023 als Artist-in-Residence im MuseumsQuartier in Wien war, erhielt ich ein ganz besonderes Geschenk: die von Thomas Bernhard ausgewählten Gedichte von Christine Lavant. Dieses Buch lag während meines fast zweimonatigen Aufenthalts in Wien auf meinem Nachtkästchen und begleitete mich jede Nacht – in meiner Einsamkeit und in all den Eindrücken und Erfahrungen jener Zeit. Genau dort, in diesen stillen Nächten, habe ich beschlossen, dass es mir guttun würde, diese Gedichte ins Albanische zu übertragen.

Anna Kove mit Botschafterin Monika Zach, Eljana Mankollari und SchülerInnen einer Deutschklasse in der Nationalbibliothek in Tirana – © Tommy Schneider

AT: In Albanien war Christine Lavant sicherlich völlig unbekannt … war es schwer, einen Verlag dafür zu begeistern?

Anna Kove: In Albanien war Christine Lavant tatsächlich völlig unbekannt. Natürlich sind auch hier wie überall Verleger nicht besonders begeistert, Gedichtbände zu veröffentlichen, denn Lyrik verkauft sich nicht wie Romane. Zum Glück gibt es jedoch einige Verleger, die selbst Dichter und Übersetzer von Poesie sind. So ist es seit vielen Jahren bei Gentian Çoçoli, dem Gründer und Verleger von Aleph Publishing. Er verlegt auch Werke von Thomas Bernhard auf Albanisch – deshalb war es nur natürlich, der Auswahl von Lavants Gedichten einer Persönlichkeit wie Thomas Bernhard zu vertrauen. Sagen wir es so: Das war ein ausreichender Grund, sein Interesse, sein Verständnis und schließlich seine Zustimmung zu gewinnen.

AT: Was war das Herausfordernde, das Schwierige beim Übersetzen der Lavant-Gedichte?

Anna Kove

Das Herausfordernde beim Übersetzen der Gedichte von Christine Lavant bestand vor allem darin, ihre einzigartige Sprachmelodie und den tiefen emotionalen Ton zu bewahren. Ihre Worte sind oft knapp, intensiv und voller dichterischer Verdichtung, sodass jedes einzelne Wort große Bedeutung trägt. Es war eine Herausforderung, die Balance zwischen wörtlicher Genauigkeit und poetischem Klang zu finden, damit die Gedichte auch auf Albanisch ihre Kraft und Intimität behalten. Hinzu kommt, dass ihre Sprache stark von Rhythmus, Klang und innerer Spannung lebt – Elemente, die man nicht einfach übertragen kann, ohne den poetischen Atem zu verlieren. Jede Zeile verlangte Geduld, Feingefühl und wiederholtes Lesen, um den richtigen Ton, die passende Atmosphäre und die emotionale Tiefe zu treffen.

AT: Du hast zwei Buchpräsentationen organisiert, einmal an der Universität in Shkodra in Zusammenarbeit mit der Österreich-Bibliothek, und ein zweites Mal in der Nationalbibliothek in Tirana. Beide Veranstaltungen waren sehr gut besucht. Wie ist es Dir gelungen, so viele Menschen, auch junge Menschen, für eine Präsentation einer ihnen unbekannten Dichterin zu interessieren?

Anna Kove

Ich denke, dass das große Interesse an diesen Veranstaltungen mehrere Gründe hatte. Noch bevor das Buch veröffentlicht wurde, habe ich versucht, die Gedichte auf eine sehr persönliche Weise vorzustellen und zu erzählen, warum diese Autorin für mich so bedeutend ist. Ich wollte die Menschen mitnehmen in die Welt der Poesie, ihnen ihre Stimmungen, Spannungen und Gefühle nahebringen, so dass Neugier geweckt wurde, mehr zu erfahren. Dazu veröffentlichte ich ihre Gedichte in zwei wichtigen literarischen Medien – in der Zeitung ExLibris und in der Revista Letrare – begleitet von kurzen biografischen Einführungen.

Präsentation in der Universitöt in Shkodra mit Rektor und Vizerektorin (mitte) – © Tommy Schneider

Auch die Zusammenarbeit mit den Institutionen spielte eine große Rolle. In Shkodra verlieh die Kooperation mit der Österreich-Bibliothek und der Universität der Veranstaltung besondere Sichtbarkeit, und in Tirana hatte die Präsentation in der Nationalbibliothek ein ganz eigenes Gewicht. Besonders junge Menschen reagieren oft stark auf persönliche Geschichten, auf authentische Berichte über Begegnungen mit Literatur und auf die Möglichkeit, direkt Fragen zu stellen oder mitzuwirken.

Schließlich denke ich, dass die Entdeckung einer bisher unbekannten Dichterin an sich spannend war. Viele Besucherinnen und Besucher waren neugierig, weil sie etwas Neues kennenlernen konnten – und vielleicht auch, weil die Gedichte durch Lesungen von professionellen Schauspielerinnen lebendig, emotional und sehr zugänglich wurden.

AT: Kannst Du uns auch berichten, welche Rückmeldungen Du auf die albanische Ausgabe der Gedichte bekommen hast? Wie ist die Rezeption dieser Literatur in Albanien? Wird Christine Lavant in Albanien verstanden?

Anna Kove

Ja, die Poesie von Christine Lavant spricht auch die albanischen Leserinnen und Leser an – wenn auch auf eine subtile Weise. Ihre Gedichte berühren universelle menschliche Erfahrungen: Einsamkeit, Sehnsucht, innere Konflikte, spirituelle Suche. Diese Themen sind unabhängig von Sprache und Kultur verständlich. Viele Leserinnen und Leser in Albanien spüren die emotionale Intensität, den Rhythmus und die kraftvolle Bildsprache, auch wenn die poetische Form zunächst ungewohnt erscheinen mag.

Ich habe sehr gute Rückmeldungen erhalten, und auch der Verlag berichtet, dass es in den Buchhandlungen Interesse an Lavants Gedichten gegeben hat. Natürlich hat Poesie weltweit nur eine begrenzte und eher elitäre Leserschaft. Wir wissen alle, dass diese Art Lyrik nicht im herkömmlichen Sinne unterhaltsam ist. Ein Gedichtband wird anders aufgenommen als jede andere literarische Gattung – aber die Leserinnen und Leser solcher Poesie sind treu. Sie sind es, die ein Buch zu einem besonderen Werk machen, zu einem Buch, das dauerhaft in Bibliotheken weiter lebt.

Und ich bin sehr stolz sagen zu können, dass ich – neben Autorinnen und Autoren wie Paul Celan, Rose Ausländer und Ingeborg Bachmann – nun auch die Übersetzerin der einzigartigen Gedichte der ebenso einzigartigen Christine Lavant bin.