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„Ist unsre Liebe wirklich heimatlos?“

Lesen Sie eine erste Kostprobe aus dem soeben im Wallstein-Verlag erschienenen 3. Band der Gesamtausgabe „Christine Lavant –Gedichte aus dem Nachlass“. Das folgende Gedicht stammt, ebenso wie über 100 andere Gedichte des Bandes, aus der Sammlung Werner Bergs.

Ist unsre Liebe wirklich heimatlos?
Denk schöner nach, sieh alles besser ein;
weich war das Laub und sonnenwarm der Stein
und später einmal nimmt uns auf das Moos.

Dass wir gejagt sind, nimm das nicht so schwer.
Auch Vögel müssen alles flüchtig tun.
Und atemlang so ineinander ruhn,
Mund tief im Mund, stillt dich und mich viel mehr
als tausend Nächte Schlaf und Sicherheit.
Was ist ein Obdach gegen dieses Zelt,
das unsre Liebe rasch zusammenstellt
in jeder Landschaft und zu jeder Zeit?

Was nennst du Heimat? Denkst du an ein Haus?
Ich denk an Bergung schlicht von Leib zu Leib
und an der Seelen einigen Verbleib
lang über Lust und Stillung noch hinaus.

„Vom Reichtum der armen Gedichte“

Auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung ist auf den neuen Gedichtband aufmerksam geworden. Und auch diese Rezension spricht von dem Band in den höchsten Tönen. Die Gedichte der großen Christine Lavant sind immer noch lebendig, findet Harald Hartung. Doch lesen Sie selbst:

Laudatio zur Verleihung des ersten Christine Lavant Preises 2016

Von der Röte und den Knoten des Fadens, der Zunge
Laudatio für Kathrin Schmidt in drei Verbeugungen
Von Daniela Strigl

  1.  „auf der sprachenbrache des erinnerns“ – die Gedächtnis-Künstlerin

Da gibt es einen Prosatext, in dem Kathrin Schmidt ein Gedicht von Christine Lavant – ja, was eigentlich: umwickelt? Oder entwickelt? Verwandelt? Sich einverleibt? Lavants Gedicht beginnt mit den Zeilen „Oft verliere ich mitten am Tage / den Faden meiner Zeit.“ Der Text enthält alle Wörter des Gedichts in der richtigen Reihenfolge, sie sind aber, erkennbar in Großbuchstaben gesetzt, eingeebnet, verwoben in ein Nachdenken über Erinnerung. Unebenes Gedächtnis lautet der Titel, und auch er bezieht sich auf das vorbildliche Gedicht. Das Ich, wir sagen kühn: die Autorin erinnert sich an ihre Kindheit im ostdeutschen Gotha, „an einem eher eng zu nennenden ort“, wie es anderswo heißt, erinnert sich an den Vater, der zehn Jahre im Straflager Bautzen einsaß, an die Mutter, die als Flüchtlingskind aus Ostpreußen kam. Die Erinnerung macht sich breit wie der Geist aus der Flasche, die Bilder, „pastell oder scharfkonturig wie Schattenrisse, schälen nicht Wahrheit heraus, sondern verpacken die Tatsachen in Fließtextmüll und Kontextmull“. Weiterlesen

Dankesrede zur Verleihung des Christine Lavant Preises

Sehr geehrter Herr Gasser, sehr geehrter Herr Hans Schmid, sehr geehrter Klaus Amann, verehrte Anwesende,

die Ehre, als erste Autorin mit dem Christine Lavant Preis ausgezeichnet zu werden, berührt mich besonders. Christine Lavant, das neunte von neun Thonhauser-Kindern, ist genau so alt geworden, wie ich, das erste dreier Schmidt-Kinder,  es gerade bin. Ich fühle mich längst nicht am Ende meines Lebens angekommen, bin unter anderen Bedingungen geboren worden und aufgewachsen als sie. Sehe ich mich als Mädchen, so erblicke ich ein nie schlankes Kind, das immer Zöpfe tragen wollte, aber stets mit sehr kurz geschnittenem Haar zufrieden sein musste. Das Kind trug frisch gewaschene, akkurat gebügelte Kleidung. Manchen Rock hatte die Mutter selbst geschneidert, manches Kleid war einem der heiß begehrten West-Pakete entnommen worden. Die liebte das Kind besonders, weil sie manchmal Strumpfhosen enthielten, die es vor einem allwinterlichen Dilemma retteten. Die ans Leibchen zu klammernden Wollstrümpfe kratzten nämlich fürchterlich und warfen dicke Falten am Bein, aber sie nicht zu tragen, war angesichts winterlicher Außentemperaturen unmöglich. Die Strumpfhosen hingegen, aus Baumwolle oder später Silastik, taten dem Bein wohl. Ich glaube nicht, dass Christine Thonhauser, deren Lebensbedingungen sicher nicht anders als prekär einzuschätzen sind,  die Gelegenheit hatte, sich ihre Kleidung auszusuchen. Als Kind litt sie, unter anderem, an Skrofulose, einer Krankheit, der Armut, mangelnde Hygiene und schlechte Ernährung gewaltigen Vorschub leisten. Ich litt, und das reichte mir wirklich, als Sechsjährige einmal an einer schrecklichen Furunkulose, die die Urgroßmutter mit „schlechtem Blut“ begründete, was wiederum zu merkwürdigen seelischen Verwerfungen bei mir führte. Wer hat schon gern „schlechtes Blut“? Weiterlesen

Neuerscheinung: Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus

Christine Lavant verarbeitet ihren Aufenthalt in der Psychiatrie literarisch: eine Lektüre, die unter die Haut geht.

Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus

Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus

Sechs Wochen verbrachte Christine Lavant als Zwanzigjährige in der »Landes-Irrenanstalt« Klagenfurt, nachdem sie einen Suizidversuch mit Medikamenten unternommen hatte. Elf Jahre später, im Herbst 1946, schrieb sie über diese Erlebnisse mit Patientinnen, Pflegerinnen und Ärzten in der Institution Psychiatrie. Vor allem aber: über ihre Selbstwahrnehmungen, die Zustände des eigenen Bewusstseins und Unterbewusstseins in dieser existenziellen Situation. Überscharf und mit höchster Intensität setzt die Autorin konkrete Situationen ins Bild, den Klinikalltag, die Behandlungen und die implizite Gewalt, und alles ist durchdrungen von apokalyptischen Phantasien.
Anfang der fünfziger Jahre plante Christine Lavant mit ihrem damaligen Verleger eine Veröffentlichung, allerdings konnte die Autorin sich schließlich doch nicht dazu durchringen: Der Verleger war offensichtlich begeistert, hatte jedoch einen »frommen Schluss« verlangt. Zu Lebzeiten wurde der Text auf Deutsch nie veröffentlicht. Lediglich eine ins Englische übersetzte Funkerzählung sendete die BBC 1959. Dass der deutsche Text überhaupt erhalten ist, verdankt sich der Übersetzerin Nora Wydenbruck, in deren Nachlass man ihn Mitte der neunziger Jahre fand. 2001 wurde er erstmals publiziert; jetzt liegt er neu ediert vor.

Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus
ISBN 978-3-8353-1967-7 (2016)
140 S., geb., Schutzumschlag
€ 16,90 (D) | € 17,40 (A)

Zu Lebzeiten veröffentlichte Erzählungen

Christine Lavants Gedichte zählen schon lange zum festen Kanon der Nachkriegsliteratur. Als Erzählerin ist sie eine Entdeckung der letzten Jahre.

 

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Mit großem Einfühlungsvermögen und ungeschöntem Realismus, sehr direkt und unverwechselbar poetisch rückt Christine Lavants Prosa an die Schicksale und inneren Welten ihrer Figuren heran. Mit »formal traumwandlerischer Sicherheit« (Franz Haas in der NZZ) erzählt Lavant von dem, was sie am besten kennt: von verletzten Kinder- und Frauenseelen, von den feinen und weniger feinen gesellschaftlichen Unterschieden, von Armut, Krankheit und Ausgrenzung, von erzwungener Anpassung, Bigotterie und Gewalt, aber auch von der befreienden Kraft der Liebe und der Fantasie.
Der zweite Band der vierbändigen Werkausgabe bietet alle zwölf zu Lebzeiten Lavants erschienenen Erzählungen in neu edierter Gestalt, da viele der Erstdrucke von fremder Hand bearbeitet waren. Neben ihren beiden ersten Buchveröffentlichungen »Das Kind« (1948) und »Das Krüglein« (1949) enthält der Band »Die Rosenkugel« (1956), die beiden Sammlungen »Baruscha« (1952) und »Nell« (1969) sowie die verstreut publizierten Erzählungen.

Zu Lebzeiten veröffentlichte Erzählungen
ISBN 978-3-8353-1392-7 (2015)
800 S., geb., Schutzumschlag
€ 38,80 (D) | € 39,90 (A)

Zu Lebzeiten veröffentlichte Gedichte

Christine Lavant schrieb Gedichte, die in ihrer sprachlichen Eigenwilligkeit und existentiellen Zerrissenheit für Thomas Bernhard zu den ‚Höhepunkten der deutschen Lyrik‘ zählen. Er beschrieb ihre Lyrik als ‚das elementare Zeugnis eines von allen guten Geistern mißbrauchten Menschen‘. Lavant selbst sah ihre Kunst als ‚verstümmeltes Leben, eine Sünde wider den Geist, unverzeihbar‘ und war sich der poetischen Kraft ihrer Gedichte dennoch gewiss:

‚Wenn ich dichtete, risse ich jede Stelle Eures Daseins unter Euren Füßen weg und stellte es als etwas noch nie von Euch Wahrgenommenes in Euer innerstes Gesicht‘.

Christine Lavant: Zu Lebzeiten veröffentlichte Gedichte

Christine Lavant: Zu Lebzeiten veröffentlichte Gedichte

Der erste Band der vierbändigen Werkausgabe versammelt alle zu Lebzeiten publizierten Gedichte in einer komplett neu edierten Fassung. Er enthält neben den drei Gedichtbänden, die Lavants Ruhm begründet haben (‚Die Bettlerschale‘, ‚Spindel im Mond‘, ‚Der Pfauenschrei‘), auch das Frühwerk ‚Die unvollendete Liebe‘, Lavants späte, in Liebhaberausgaben und Sammelbänden veröffentlichte Lyrik (‚Sonnenvogel‘, ‚Wirf ab den Lehm‘, ‚Hälfte des Herzens‘) sowie zahlreiche verstreute Gedichte, die erstmals wieder zugänglich gemacht werden.

Zu Lebzeiten veröffentlichte Gedichte
ISBN 978-3-8353-1391-0 (2014)
720 S., Leinen, Schutzumschlag
€ 38,00 (D) | € 39,10 (A)

Das Wechselbälgchen

Christine Lavant, die große österreichische Lyrikerin, ist als Prosaautorin neu zu entdecken. Ihre ganz unvergleichliche Erzählung »Das Wechselbälgchen« – jetzt wieder lieferbar.

wechselbaelgchen-181x300Zitha ist vom Schicksal geschlagen. Sie ist das uneheliche Kind einer Bauernmagd, geistig zurückgeblieben und körperlich entstellt. Die Leute im Dorf, die so katholisch wie abergläubisch befangen sind, haben für das traurige Schicksal des Mädchens eine einfache Erklärung: Böse Geister haben der unglücklichen Magd nach der Geburt das Kind geraubt und ihr stattdessen ein verhextes Mädchen untergeschoben. Einen Wechselbalg, wie er aus Sagen und Gespenstergeschichten der Alpengegenden bekannt ist. Er werde das ganze Dorf ins Unglück stürzen, heißt es. So nimmt der kollektive Wahn seinen Lauf, gegen den auch die Liebe der Mutter nichts auszurichten vermag. Schließlich wird dem Mädchen sogar nach dem Leben getrachtet.
Christine Lavant beschreibt die Ausgrenzung einer Schwachen aus der dörflichen Gemeinschaft mit großer Eindringlichkeit. Die erst 1998 posthum veröffentlichte Erzählung steht auch für die Gefährdung unserer Zivilisation, die sich nicht zuletzt zu Lebzeiten Christine Lavants in der »Vernichtung unwerten Lebens« durch die Nationalsozialisten gezeigt hat. Nachdem »Das Wechselbälgchen« längere Zeit vergriffen war, erscheint die Erzählung nun erstmals im Wallstein Verlag, herausgegeben von Klaus Amann, der eine kommentierte Werkausgabe von Christine Lavant vorbereitet.

Das Wechselbälgchen
Erzählung
ISBN 978-3-8353-1147-3 (2012)
104 S., geb., Schutzumschlag
€ 16,90 (D) | € 17,40 (A)

Das Wechselbälgchen

Christine Lavant, Sophie Rois, Franz Hautzinger, Matthias Loibner, Peter Rosmanith
Das Wechselbälgchen
Klangbuch mit 2 CDs

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2015 jährt sich der Geburtstag von Christine Lavant zum hundertsten Mal. Ein Anlass, die Prosa der großen Lyrikerin neu zu entdecken. In der nun als Klangbuch erscheinenden Erzählung »Das Wechselbälgchen« spricht Sophie Rois diesen magischen Text. Ein Glücksfall, denn ihre raue, unverwechselbare Stimme transportiert Lavants Text zwingend, direkt und ohne Sentimentalität.
Erzählt wird die Geschichte von Zitha, sie ist das uneheliche Kind einer Bauernmagd, geistig zurückgeblieben und körperlich entstellt. Die Leute im Dorf, so katholisch wie abergläubisch befangen, haben für das Schicksal des Mädchens eine einfache Erklärung: Der Teufel hat der unglücklichen Magd einen Wechselbalg untergeschoben.
Christine Lavant schöpft bei dieser Erzählung aus ihren eigenen schmerzlichen Erfahrungen. Von Kindheit an litt sie an schwersten Erkrankungen. Sie kennt das Milieu des abgeschlossenen, von Inzucht und Aberglauben geprägten Tals gut. Nahezu ohne formale Schulbildung aber mit außergewöhnlicher Sensibilität und scharfem Intellekt, beginnt sie schon in den 1930er Jahren zu schreiben und wurde schon zu Lebzeiten bekannt und für ihre Lyrik durch Preise geehrt.

Sophie Rois, eine der profiliertesten Schauspielerinnen im deutschsprachigen Raum, erzählt die Geschichte voll archaischer Wucht und Gegenwärtigkeit.
Franz Hautzinger, Matthias Loibner und Peter Rosmanith gestalten mit ihrer ungewöhnlichen Instrumentierung (Trompete, Drehleier und Perkussion) einen fiebrig rauen Soundtrack, der scheinbar absichtslos die Wörter umspielt und dem Text die Räume öffnet, die er braucht.
Christine Lavant (eigentlich Christine Habernig, geb. Thonhauser): 4. Juli 1915 – 7. Juni 1973.

Das Wechselbälgchen
Klangbuch mit 2 CDs
48 Seiten
Format 13 x 18
Gebunden
24.90 €
ISBN: 978385476-479-3

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