Autor: Leni Albrecht (Seite 2 von 3)

Mitgliederversammlung der Internationalen Christine Lavant Gesellschaft

Am 9. Juni 2017 fand die erste ordentliche Mitgliederversammlung der Internationalen Christine Lavant Gesellschaft statt. Wir verbrachten den Abend im wunderschönen Ambiente des Prälatensaals beim Pfarrwirt im 19. Wiener Bezirk. Den Anfang machte der Präsident der Gesellschaft, Hans Gasser, mit einem Bericht der vergangenen Veranstaltungen und laufenden Aktivitäten der Lavant-Gesellschaft.

Es folgte ein Bericht aus dem Literarischen Beirat. Der Vorsitzende des Beirats, Klaus Amann, erzählte von der Arbeit an der Werkausgabe und sprach vor allem über den zuletzt erschienenen dritten Band „Gedichte aus dem Nachlass“.

Nach diesem ersten offiziellen Teil wurde auch noch die musische Seele der etwa 30 teilnehmenden Mitglieder und Gäste angesprochen. Kathrin Schmidt, die erste Lavant-Preisträgerin gab Ausschnitte aus ihrem aktuellen Roman „Kapoks Schwestern“ zum Besten. Musikalisch umrahmt wurde die Lesung durch mehrere Stücke am Cello. Franz Bartholomey, erster Solo-Cellist der Wiener Philharmoniker, überzeugte mit einem äußerst abwechslungsreichen Programm, unter anderem stimmte er die Zuhörenden mit einem Wiener Lied auch gut auf die Heurigen-Atmosphäre ein. Bei anregenden Gesprächen und interessantem Austausch sowie herrlichem Wein ließen wir den gelungenen Frühsommerabend ausklingen.

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(Fotocredit: (c) Karin Gasser)

Christine Lavant international

Am 11. Juli 2017 trafen sich auf Einladung der ICLG rund 60 Auslandslektor/innen sowie deren akademische Ausbildner unter der Leitung von Dr. Arnulf Knafl in entspannter Atmosphäre zu ihrer Jahresabschlussversammlung beim Mayer am Pfarrplatz.

Dank großzügiger Unterstützung seitens unseres Protektors Hans Schmid bot sich den jungen Akademiker/innen die Gelegenheit, sich bei Wein und köstlichen Schmankerln den Ausführungen von ICLG Vorstandsmitglied Mag. Leo Stollwitzer über die Aktivitäten der Gesellschaft informieren zu lassen. Stollwitzers Plädoyer an die versammelten Lektoren/innen, den Namen und das Werk Christine Lavants im Rahmen ihrer Lektorentätigkeit auch im kommenden Semester verstärkt in die Welt hinauszutragen, wurde überaus interessiert aufgenommen. So kann erwartet werden, dass auch im kommenden Studienjahr Deutsch-Studierende von Peking bis Mexiko, von Tokyo bis Kiev dem Werk Christine Lavants begegnen werden.

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Fotocredit: (c) Leo Stollwitzer

Buch des Monats Juni 2017

Der im letzten Newsletter vorgestellte dritte Band der Gesamtausgabe Christine Lavants „Gedichte aus dem Nachlass“ erfuhr nicht nur allgemein viel mediales Echo. Die Darmstädter Jury kürte den Band nun auch zum Buch des Monats Juni 2017. Die Begründung spricht von Christine Lavant als einer resoluten, trotzigen und außergewöhnlichen Dichterin, die es jedenfalls verdient, wieder entdeckt zu werden.

Lavant im Deutschlandfunk

In der Reihe „Lyrik lesen – Gedichte im Gespräch“ tauschen sich LiteraturkritikerInnen über Neuerscheinungen aus. Die aktuelle Runde der Kooperation zwischen dem Sender <b>Deutschlandfunk</b> Kultur und dem <b>Literaturforum Marbach</b> thematisiert unter anderem auch den aktuellen Band der Werkausgabe Christine Lavants. Die freie Kritikerin Insa Wilke meint über Christine Lavant: „Ihr Eigensinn und ihre Singularität stellt sie in eine Reihe mit Sappho, Günderode, Droste und Lasker-Schüler.“ Nachzuhören ist dieser sehr gelungene Beitrag hier:

„Das Göttliche und das Irdische kommen ins Rutschen“

Professor Klaus Amann, Vorsitzender des Literarischen Beirats der Internationalen Christine Lavant Gesellschaft und Mitherausgeber der Werkausgabe über den jüngst erschienen Band „Christine Lavant – Gedichte aus dem Nachlass“:

„Man kann es nicht anders sagen, Christine Lavants Gedichte aus dem Nachlass, der vor kurzem erschienene dritte Band der vierbändigen Werkausgabe ist eine literarische Sensation: Fünfhundert Gedichte aus dem Nachlass einer der größten Lyrikerinnen deutscher Sprache im 20. Jahrhundert. Wann hat es das zuletzt gegeben? Mit diesem Band wird Lavants publiziertes lyrisches Werk mit einem Schlage nahezu verdoppelt.

Dies bedeutet auch, dass völlig neue Seiten an der Dichterin zu entdecken sind. So ist es den Herausgeberinnen gelungen, in einer Wiener Privatsammlung die einzige erhaltene Druckvorlage für Lavants ersten Gedichtband  (Die Nacht an den Tag, 1948) aufzufinden, der zwar gesetzt, aber nie gedruckt wurde. Ihr lyrischer ‚Erstling‘, der in diesem Nachlassband komplett abgedruckt ist,  zeigt sehr schön und eindrucksvoll den Einfluss Rilkes, aber genauso auch ihre bewusste Ablösung von diesem Abgott und übermächtigen Vorbild und die Entwicklung ihrer eigenen, so charakteristischen „Bilderschrift“ (eingeschlossen einige bisher kaum bekannte ‚Umwege‘ über Erzählgedichte mit politischen und familiären Inhalten).

Eine ganz neue Seite an der Dichterin ist auch in ihren Widmungsgedichten an Werner Berg zu entdecken, den großen Kärntner Maler, der in der ersten Hälfte der 1950er Jahre ihr Gesprächspartner, Vertrauter, Ratgeber, Schicksalsgenosse und kurze Zeit auch ihr Geliebter war. Es war für beide eine jeder Hinsicht schwierige und schicksalhafte Begegnung. Die literarischen ‚Folgen‘ dieser Beziehung für das Werk von Christine Lavant sind gewaltig, aber auch abgründig. Das zeigen nicht zuletzt die Gedichte dieses Nachlassbandes. Man wird in der deutschsprachigen Lyrik der Nachkriegszeit schwer etwas finden, was Lavants Liebesgedichten für  Werner Berg in ihrer bestechenden Mischung aus  Sinnlichkeit und Sensitivität, Glückshoffung und Unglücksgewissheit, Bilderfindung und gedanklicher Raffinesse ebenbürtig ist.

So ermöglicht  der Band mit Lavants  nachgelassenen Gedichten nicht nur einen ganz neuen Blick auf ihre Entwicklung als Dichterin, sondern er erschließt auch eine  ganz unerwartete Vielfalt an Themen und Formen, die das zu ihren Lebzeiten erschienene lyrische Werk, das im Ganzen enger, geschlossener und hermetischer ist, auf überraschende Weise aufbrechen und kommentieren. Die Gedichte des Nachlass-Bandes  legen für viele der zu Lebzeiten publizierten  Gedichte, die bestrebt sind, das Private und das Persönliche zu verschlüsseln und zu camouflieren, überraschend neue Lesarten nahe. Man könnte auch sagen: das Göttliche und das Irdische kommen ins Rutschen und werden neu aufgestellt. So gewährt die Lektüre des Bandes doppelten Gewinn und doppelte Lust.

Klaus Amann

(Literarischer Beirat der ICLG)

„Ist unsre Liebe wirklich heimatlos?“

Lesen Sie eine erste Kostprobe aus dem soeben im Wallstein-Verlag erschienenen 3. Band der Gesamtausgabe „Christine Lavant –Gedichte aus dem Nachlass“. Das folgende Gedicht stammt, ebenso wie über 100 andere Gedichte des Bandes, aus der Sammlung Werner Bergs.

Ist unsre Liebe wirklich heimatlos?
Denk schöner nach, sieh alles besser ein;
weich war das Laub und sonnenwarm der Stein
und später einmal nimmt uns auf das Moos.

Dass wir gejagt sind, nimm das nicht so schwer.
Auch Vögel müssen alles flüchtig tun.
Und atemlang so ineinander ruhn,
Mund tief im Mund, stillt dich und mich viel mehr
als tausend Nächte Schlaf und Sicherheit.
Was ist ein Obdach gegen dieses Zelt,
das unsre Liebe rasch zusammenstellt
in jeder Landschaft und zu jeder Zeit?

Was nennst du Heimat? Denkst du an ein Haus?
Ich denk an Bergung schlicht von Leib zu Leib
und an der Seelen einigen Verbleib
lang über Lust und Stillung noch hinaus.

„Vom Reichtum der armen Gedichte“

Auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung ist auf den neuen Gedichtband aufmerksam geworden. Und auch diese Rezension spricht von dem Band in den höchsten Tönen. Die Gedichte der großen Christine Lavant sind immer noch lebendig, findet Harald Hartung. Doch lesen Sie selbst:

Laudatio zur Verleihung des ersten Christine Lavant Preises 2016

Von der Röte und den Knoten des Fadens, der Zunge
Laudatio für Kathrin Schmidt in drei Verbeugungen
Von Daniela Strigl

  1.  „auf der sprachenbrache des erinnerns“ – die Gedächtnis-Künstlerin

Da gibt es einen Prosatext, in dem Kathrin Schmidt ein Gedicht von Christine Lavant – ja, was eigentlich: umwickelt? Oder entwickelt? Verwandelt? Sich einverleibt? Lavants Gedicht beginnt mit den Zeilen „Oft verliere ich mitten am Tage / den Faden meiner Zeit.“ Der Text enthält alle Wörter des Gedichts in der richtigen Reihenfolge, sie sind aber, erkennbar in Großbuchstaben gesetzt, eingeebnet, verwoben in ein Nachdenken über Erinnerung. Unebenes Gedächtnis lautet der Titel, und auch er bezieht sich auf das vorbildliche Gedicht. Das Ich, wir sagen kühn: die Autorin erinnert sich an ihre Kindheit im ostdeutschen Gotha, „an einem eher eng zu nennenden ort“, wie es anderswo heißt, erinnert sich an den Vater, der zehn Jahre im Straflager Bautzen einsaß, an die Mutter, die als Flüchtlingskind aus Ostpreußen kam. Die Erinnerung macht sich breit wie der Geist aus der Flasche, die Bilder, „pastell oder scharfkonturig wie Schattenrisse, schälen nicht Wahrheit heraus, sondern verpacken die Tatsachen in Fließtextmüll und Kontextmull“. Weiterlesen

Dankesrede zur Verleihung des Christine Lavant Preises

Sehr geehrter Herr Gasser, sehr geehrter Herr Hans Schmid, sehr geehrter Klaus Amann, verehrte Anwesende,

die Ehre, als erste Autorin mit dem Christine Lavant Preis ausgezeichnet zu werden, berührt mich besonders. Christine Lavant, das neunte von neun Thonhauser-Kindern, ist genau so alt geworden, wie ich, das erste dreier Schmidt-Kinder,  es gerade bin. Ich fühle mich längst nicht am Ende meines Lebens angekommen, bin unter anderen Bedingungen geboren worden und aufgewachsen als sie. Sehe ich mich als Mädchen, so erblicke ich ein nie schlankes Kind, das immer Zöpfe tragen wollte, aber stets mit sehr kurz geschnittenem Haar zufrieden sein musste. Das Kind trug frisch gewaschene, akkurat gebügelte Kleidung. Manchen Rock hatte die Mutter selbst geschneidert, manches Kleid war einem der heiß begehrten West-Pakete entnommen worden. Die liebte das Kind besonders, weil sie manchmal Strumpfhosen enthielten, die es vor einem allwinterlichen Dilemma retteten. Die ans Leibchen zu klammernden Wollstrümpfe kratzten nämlich fürchterlich und warfen dicke Falten am Bein, aber sie nicht zu tragen, war angesichts winterlicher Außentemperaturen unmöglich. Die Strumpfhosen hingegen, aus Baumwolle oder später Silastik, taten dem Bein wohl. Ich glaube nicht, dass Christine Thonhauser, deren Lebensbedingungen sicher nicht anders als prekär einzuschätzen sind,  die Gelegenheit hatte, sich ihre Kleidung auszusuchen. Als Kind litt sie, unter anderem, an Skrofulose, einer Krankheit, der Armut, mangelnde Hygiene und schlechte Ernährung gewaltigen Vorschub leisten. Ich litt, und das reichte mir wirklich, als Sechsjährige einmal an einer schrecklichen Furunkulose, die die Urgroßmutter mit „schlechtem Blut“ begründete, was wiederum zu merkwürdigen seelischen Verwerfungen bei mir führte. Wer hat schon gern „schlechtes Blut“? Weiterlesen

Zu Lebzeiten veröffentlichte Erzählungen

Christine Lavants Gedichte zählen schon lange zum festen Kanon der Nachkriegsliteratur. Als Erzählerin ist sie eine Entdeckung der letzten Jahre.

 

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Mit großem Einfühlungsvermögen und ungeschöntem Realismus, sehr direkt und unverwechselbar poetisch rückt Christine Lavants Prosa an die Schicksale und inneren Welten ihrer Figuren heran. Mit »formal traumwandlerischer Sicherheit« (Franz Haas in der NZZ) erzählt Lavant von dem, was sie am besten kennt: von verletzten Kinder- und Frauenseelen, von den feinen und weniger feinen gesellschaftlichen Unterschieden, von Armut, Krankheit und Ausgrenzung, von erzwungener Anpassung, Bigotterie und Gewalt, aber auch von der befreienden Kraft der Liebe und der Fantasie.
Der zweite Band der vierbändigen Werkausgabe bietet alle zwölf zu Lebzeiten Lavants erschienenen Erzählungen in neu edierter Gestalt, da viele der Erstdrucke von fremder Hand bearbeitet waren. Neben ihren beiden ersten Buchveröffentlichungen »Das Kind« (1948) und »Das Krüglein« (1949) enthält der Band »Die Rosenkugel« (1956), die beiden Sammlungen »Baruscha« (1952) und »Nell« (1969) sowie die verstreut publizierten Erzählungen.

Zu Lebzeiten veröffentlichte Erzählungen
ISBN 978-3-8353-1392-7 (2015)
800 S., geb., Schutzumschlag
€ 38,80 (D) | € 39,90 (A)

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